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Neue Erkenntnisse zu Ötzis DNA: Herkunft, Haut und Haare
2023
Ötzi: dunkle Haut, Glatze, anatolische Vorfahren
2023
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Zurück in die Steinzeit: Die Besiedlung Europas

Neue Erkenntnisse zu Ötzis DNA: Herkunft, Haut und Haare

Ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und das Institut für Mumienforschung von Eurac Research in Bozen analysierte das Genom des Mannes aus dem Eis mit neuesten Sequenziermethoden. Die Studie korrigiert bisherige Erkenntnisse zu Ötzis genetischer Abstammung von eingewanderten Steppenvölkern aus dem Osten. Sie lässt gleichzeitig neue Vermutungen zu seinem Gesundheitszustand und seinem Aussehen in Bezug auf seine Hautfarbe und seine Haare zu.

Bereits 2012 wurde das Genom des Mannes aus dem Eis erstmals entschlüsselt, mit wichtigen Erkenntnissen für die Forschung an urgeschichtlichen Europäern. Fortschritte in der Sequenziertechnologie und ein inzwischen angewachsener Datensatz von über zehntausend untersuchten prähistorischen Individuen aus ganz Europa ermöglichten dem Team nun eine genauere Rekonstruktion von Ötzis Genom und dessen Vergleich mit Zeitgenossen. Die Ergebnisse vervollständigen und erweitern das Bild, das wir uns von Ötzi machen.

Die ursprünglichen Jäger und Sammler Westeuropas gingen nach und nach in den frühen Bauern auf, die vor etwa 8'000 Jahren aus dem Nahen Osten (Anatolien) einwanderten. Vor ca. 4'900 Jahren kamen Steppenhirten aus Osteuropa hinzu. Im Gegensatz zur ersten Untersuchung fand das Forschungsteam keine genetischen Spuren dieser Steppenhirten mehr. Stattdessen zeigte sich im Vergleich mit anderen Menschen aus der Kupferzeit in Ötzis DNA ein vergleichsweise hoher Anteil an Erbgut von "anatolischen" Bauern. Dies weist darauf hin, dass der Mann aus dem Eis bäuerliche Vorfahren hatte, die relativ isoliert in den Alpen lebten.

Anatolien liegt im Zentrum der Türkei.

Darüber hinaus fand das Forschungsteam Hinweise auf ein Risiko zu Übergewicht und die Neigung zu Altersdiabetes. Vermutlich hatten diese Anlagen beim aktiven Lebensstil des Mannes aus dem Eis aber keine Auswirkung.

Spannende Ergebnisse erbrachte die Studie auch zu Ötzis Aussehen. Sein Hauttyp, schon in der ersten Genom-Analyse als mediterran-europäisch bestimmt, könnte dunkler gewesen sein als bisher angenommen.

In Bezug auf die Haare des Mannes aus dem Eis wurden erstmals genetische Voraussetzungen zu männlicher Glatzenbildung nachgewiesen. Ob sich diese Anlage zu Ötzis Lebzeiten gezeigt hat und wie stark sie ausgeprägt war, lässt sich durch die Studie jedoch nicht bestimmen. Immerhin fanden sich in der Nähe der Mumie 9 cm lange, dunkle Haupthaarlocken.

Elisabeth Vallazza, Direktorin des Südtiroler Archäologiemuseums, ist deshalb vorsichtig mit der Interpretation der Ergebnisse: "In der aktuellen Studie werden bestimmte genetische Erbanlagen festgestellt und Wahrscheinlichkeiten für das äussere Erscheinungsbild von Ötzi diskutiert. Ich freue mich sehr, wenn neue Untersuchungen uns dabei helfen, in Zukunft ein noch konkreteres Bild der Person zu erhalten, die vor über 5'000 Jahren gelebt hat.

Mit Blick auf die Rekonstruktion im Museum präzisiert sie: "Die bekannte Figur im Museum ist ein Interpretationsversuch, ein Vorschlag, wie wir uns den Mann aus dem Eis zu Lebzeiten vorstellen. Die Figur wurde 2011 von den Paläokünstlern Adrie und Alfons Kennis geschaffen, auf Basis des damaligen Forschungsstandes. Es ging dabei vor allem darum zu zeigen, dass Ötzi ein moderner Mensch war: mittleren Alters, tätowiert, drahtig, wettergegerbt, ein Mensch wie du und ich. Eine Überarbeitung der Rekonstruktion ist derzeit nicht vorgesehen.

Quelle: Südtiroler Archäologiemuseum, 16. August 2023
Was Ötzis Magenbakterium über die Besiedlung Europas verrät
2016

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Ötzi: dunkle Haut, Glatze, anatolische Vorfahren

Forschungsteam analysierte Ötzis Genom in hoher Qualität und kann nun ein genaueres Bild von seinem Aussehen und seiner genetischen Herkunft zeichnen

chon 2012 wurde Ötzis Genom entschlüsselt, als erstes Genom einer Mumie und mit wichtigen Erkenntnissen zum Erbgut prähistorischer Europäer. Die seitdem erzielten Fortschritte in der Sequenziertechnologie ermöglichten nun einem Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie und von Eurac Research eine sehr viel exaktere Rekonstruktion seines Genoms. Die Ergebnisse dieser Analyse verfeinern das Bild: Im Vergleich mit seinen europäischen Zeitgenossen ist beim Ötzi der genetische Anteil aus Anatolien eingewanderter Frühbauern ungewöhnlich hoch, was nahelegt, dass er aus einer relativ isolierten Alpenbevölkerung mit wenig Kontakt zu anderen europäischen Gruppen stammte. Zum Aussehen des Ötzi erbrachte die Studie ebenfalls neue Erkenntnisse: Zum Zeitpunkt seines Todes hatte er mit hoher Wahrscheinlichkeit eine fortgeschrittene Glatze. Seine Haut war dunkler, als bisher angenommen. In den Genen zeigt sich zudem eine Veranlagung zu Diabetes und Übergewicht.

Seit 2012, als Ötzis Genom zum ersten Mal sequenziert wurde, haben sich die Sequenzierungstechnologien enorm weiterentwickelt. Die neue Studie zeigt, dass beim Ötzi der genetische Anteil aus Anatolien eingewanderter Frühbauern ungewöhnlich hoch ist, dass seine Haut dunkler war als bisher angenommen und dass er wahrscheinlich eine Glatze oder wenig Haare auf dem Kopf hatte, als er starb.

Der Genmix heutiger europäischer Menschen ist hauptsächlich aus der Vermischung dreier Ahnengruppen entstanden: Die ursprünglichen Jäger und Sammler Westeuropas gingen nach und nach in den frühen Bauern auf, die vor etwa 8'000 Jahren aus dem Nahen Osten einwanderten, und schätzungsweise beginnend vor etwa 4'900 Jahren kamen dazu noch Steppenhirten aus Osteuropa.

Bei ersten Analysen hatte man in Ötzis Erbgut genetische Spuren dieser Steppenbevölkerung gefunden, die die verfeinerten neuen Ergebnisse nun nicht mehr zeigen: Die damalige Probe war mit moderner DNA kontaminiert. Seit der ersten Studie wurden nicht nur die Technologien zur Sequenzierung enorm weiterentwickelt, man hat auch viele Genome prähistorischer Europäer, häufig aus Skelettfunden, vollständig entschlüsselt. Damit war es möglich, Ötzi mit Zeitgenossen zu vergleichen. Das Ergebnis: Unter den hunderten frühen europäischen Menschen die zur selben Zeit wie Ötzi lebten und deren Genome zur Verfügung stehen, hat Ötzi die meisten bäuerliche Ahnenanteile.

Ötzis Herkunft und Aussehen

Das Forschungsteam schliesst daraus, dass er aus einer relativ isolierten Bevölkerung mit wenig Kontakt zu anderen europäischen Gruppen stammte. "Wir waren sehr überrascht, im neuen Ötzi-Genom keine Spuren der osteuropäischen Steppenhirten zur finden, auch der Anteil der Jäger und Sammler Gene beim Ötzi ist sehr gering. Genetisch sieht er so aus, als seien seine Vorfahren direkt aus Anatolien gekommen", erklärt Johannes Krause, Leiter der Abteilung Archäogenetik am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und Mitautor der Studie.

Wie hat sich das Bild von Ötzi verändert, Johannes Krause?

Neue Ergebnisse erbrachte die Studie auch zu Ötzis Aussehen. Sein Hauttyp, schon in der ersten Genom-Analyse als mediterran-europäisch bestimmt, war noch dunkler als bisher angenommen. "Es ist der dunkelste Hautton, den man in europäischen Funden aus derselben Zeit nachgewiesen hat", erklärt der Anthropologe und Mitautor der Studie Albert Zink, Leiter des Instituts für Mumienforschung bei Eurac Research in Bozen: "Man dachte bisher, die Haut der Mumie sei während der Lagerung im Eis nachgedunkelt, aber vermutlich ist, was wir jetzt sehen, tatsächlich weitgehend Ötzis originale Hautfarbe. Dies zu wissen, ist natürlich auch wichtig für die Konservierung.

Unser bisheriges Bild von Ötzi stimmt auch in Bezug auf die Haare nicht: Als reifer Mann hatte er mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr langes, dichtes Haupthaar, sondern höchstens noch einen schütteren Kranz. Seine Gene zeigen eine Veranlagung zur Glatzenbildung. "Das ist ein relativ eindeutiges Ergebnis und könnte auch erklären, warum bei der Mumie fast keine Haare gefunden wurden", sagt Zink. Ein erhöhtes Risiko für Übergewicht und Diabetes Typ 2 lag ebenfalls in Ötzis Erbanlagen, kam jedoch dank seines gesunden Lebensstils wahrscheinlich nicht zum Tragen.

Originalveröffentlichung

Ke Wang, Kay Prüfer, Ben Krause-Kyora, Ainash Childebaya, Verena J. Schuenemann, Valentina Coia, Frank Maixner, Albert Zink, Stephan Schiffels, and Johannes Krause
High-coverage genome of the Tyrolean Iceman reveals unusually high Anatolian farmer ancestry
Cell Genomics, 16 August 2023, DOI: 10.1016/j.xgen.2023.100377

Quelle: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, 16. August 2023
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Erbfaktoren - Gene - Genome - DNA
Zu den Hauptbestandteilen eines Zellkerns gehören die «Nucleoproteide». «Nucleoproteide» sind Substanzen, die aus «Nucleinsäuren» und einem Protein (Eiweiss) bestehen. Die «Nucleinsäuren» steuern die Bildung der Enzyme in den Zellen. Sie sind damit die Träger der «Erbfaktoren = Gene = Genome». Eine wichtige «Nucleinsäuren» ist die «Desoxyribonucleinsäure (DNS)». Die DNS wird auch DNA (engl. A = Acid = Säure) genannt. Die DNS ist in den Chromosomen lokalisiert. Bei der Zellkernteilung werden die Chomosomen längs geteilt. Jeder der geteilten Zellkerne enthält jeweils die Hälfte jedes einzelnen Chromosoms.

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