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| Chamoli-Katastrophe in Uttarakhand (Indien) |
Chamoli-Flutkatastrophe könnte sich wiederholen
Am 7. Februar 2021 ergossen sich gewaltige Massen von Wasser, Schlamm, Felsbrocken und Eistrümmer durch das Tal des Rishiganga und Dhauliganga Flusses und hinterliessen eine Spur der Verwüstung. Über 200 Menschen verloren ihr Leben, zwei Wasserkraftwerke sowie mehrere Brücken und Strassen wurden zerstört. Die verheerende Flutwelle in Chamoli im Indischen Himalaya durch einen gewaltigen Bergsturz, der einen Gletscher mitgerissen hat, ausgelöst.
Ein grosses internationales Team mit Beteiligung von Forschenden der Universität Zürich (UZH), der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL und der ETH Zürich hat am selben Tag begonnen, mithilfe von Satellitenbildern, digitalen Geländemodellen, seismischen Daten und Videomaterial das Ausmass und die Ursachen des Ereignisses zu untersuchen. Computermodellierungen halfen, die involvierten Prozesse zu rekonstruieren.
Lawine aus Fels und Eis
20 Millionen Kubikmeter Fels waren in der Nordflanke des Ronti Peaks im Chamoli Distrikt von Uttarakhand, auf einer Höhe von etwa 5'500 Metern über Meer abgebrochen. Dabei wurde auch ein steiler Hängegletscher mit einem Eisvolumen von 5.5 Millionen Kubikmetern mitgerissen. Eine riesige Lawine aus rund 80 Prozent Fels und 20 Prozent Eis stürzte ins Tal und wälzte sich durch die enge Schlucht. Die zu Reibungswärme umgewandelte Energie schmolz fast das komplette Eisvolumen und führte zu einem verheerenden Schlammstrom.
Die internationale Zusammenarbeit zur Analyse des Extremereignisses wurde von GAPHAZ, der wissenschaftlichen Arbeitsgruppe mit den weltweit führenden Experten und Expertinnen für Gletscher- und Permafrostgefahren koordiniert. Holger Frey vom Geographischen Institut der UZH und GAPHAZ-Vorstandsmitglied sagt: «Das Tempo und die Breite der Analyse der Katastrophe ist beispiellos. Noch vor fünf Jahren war eine derart schnelle Verfügbarkeit von so umfangreichen und hochauflösenden Satellitenbildern kaum vorstellbar.»
Forschungsarbeiten starteten unmittelbar
Die Forschenden der UZH arbeiten seit vielen Jahren im Indischen Himalaya und wurden schon wenige Stunden nach dem Ereignis vom Nationalen Katastrophenmanagement der Indischen Regierung kontaktiert. In den darauffolgenden Tagen konnten sie bereits erste Erkenntnisse zum Ablauf und den involvierten Prozessen an die Indischen Behörden übermitteln. «Unsere Berichte und Einschätzungen wurden unter anderem dazu genutzt, die Untersuchungen vor Ort zu planen» sagt Frey.
Wasserkraftwerke als Gefahr
Die Zerstörung der beiden Wasserkraftwerke und vor allem die über 200 Todesopfer, die meisten davon ortsfremde Arbeiter, hat die anhaltenden Diskussionen um Kraftwerksprojekte in fragilen Hochgebirgslandschaften weiter befeuert. Schon nach den verheerenden Überschwemmungen in Uttarakhand von 2013 wurde der Wasserkraftsektor vom Obersten Bundesgericht Indiens beschuldigt, durch seine Praktiken die Folgen dieser Überschwemmungen verschlimmert zu haben. «Die Chamoli Katastrophe bestätigt auf traurige Weise, dass viele Wasserkraftunternehmen in der Himalaya-Region die zunehmend instabile Hochgebirgsumgebung nicht ausreichend untersuchen und überwachen», sagt Christian Huggel, einer der weiteren Co-Autoren vom Geographischen Institut der UZH.
Klimawandel wirkt sich aus
Mit dem Klimawandel dringt die Erwärmung verzögert auch in den Untergrund vor. Damit steigen auch in Permafrostgebieten die Temperaturen im Innern der Berge und Felsstürze im Hochgebirge werden wahrscheinlicher. Zusammen mit dem wachsenden Energiebedarf in den Himalaya-Staaten wird sich die Problematik weiter verschärfen. «Chamoli war ein seltenes Extremereignis», sagt Holger Frey. «Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die nächste Flutwelle dieser Grössenordnung irgendwo im Himalaya ereignet.» Da zahlreiche weitere Kraftwerksanlagen geplant sind, sind rasche und nachhaltige Lösungen notwendig - und eine enge Zusammenarbeit mit der Wissenschaft. «Wir müssend die fortschrittlichsten Techniken und Kenntnisse zu nutzen, damit in Zukunft Menschenleben und Vermögenswerte besser geschützt werden können», sagt Christian Huggel. Denn auch in andern Gebirgsregionen sind solche seltenen Grossereignisse nicht ausgeschlossen und können verheerende Auswirkungen haben, vor allem in relativ dicht bebauten Regionen wie den Alpen.
Literaturhinweis:
Shugar Daniel et al.A massive rock and ice avalanche caused the 2021 disaster at Chamoli, Indian Himalaya. Science. June 10, 2021. DOI: 10.1126/science.abh4455
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| Quelle: Text Universität Zürich/WSL, Geografisches Institut, 10. Juni 2021 |
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2025 |
| Indien: Flutkatastrophe bei Dharali (Uttarakhand) |
Am 5. August 2025 bewegte sich nördlich von Uttarakashi im indischen Bundesstaat Uttarakhand eine vermutlich von einem Gletschersturz oder einem Gletscherseeausbruch ausgelöste Flutwelle durch das Kheer Ganga-Tal talwärts in Richtung der Ortschaft Dharali (2'680 m ü.M.). Die genauen Ursachen für die Flutkatastrophen werden gegenwärtigd von Wissenschaftlern abgeklärt. Nach den Berichten in indischen Medien hinterliess die Flutwelle eine weitreichende Spur der Verwüstung.
Dharali liegt am Pilgerpfad Chota Char Dham zum Gangotri Dham (die Ganges-Quelle). Der Gangotri Dham ist eine von vier heiligen Stätten am Pilgerweg. Gangotri liegt im Quellgebiet des Ganges. (Quelle: Indian Space Research Organisation ISRO (isro.gov.india), 6. August 2025)
Die Ortschaft Gangotri liegt 18 km von Dharali entfernt.
Geschultes Personal der indischen Streitkräfte (National Disaster Response Force NDRF und State Disaster Response Force SDRF) hat vor Ort die Suche nach Opfern und vermissten Personen aufgenommen. Erste Abklärungen ergaben mindestens 5 Todesopfer und über 60 vermisste Personen.
Die Suche nach Menschen und die Aufräumarbeiten wurde durch anhaltende Regenfälle behindert. In dem von Pilgertouristen häufig besuchten Gebiet wurden nach ersten Erkenntnisse über 50 Hotels und Pilgerunterkünfte teilweise oder ganz zerstört. Rund 5 Dutzend Häuser wurden weggespült.
Flutereignisse treten in Indien während der Monsunsaison häufig auf. |
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| Satelliten-Frühwarnsystem für Naturgefahren in Indien |
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SLF-Forschende schulen indisches Fachpersonal, mit Satellitendaten und Computermodellen drohende Naturgefahren und potenziell betroffene Gebiete zu erkennen. Ziel ist, Naturgefahrenprozesse im Himalaya besser zu modellieren und Katastrophen vorzubeugen.
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| Satelliten erkennen Bewegungen: SLF-Forschende messen kleinste Verschiebungen von Fels, Schutt und Eis. So lassen sich drohende Stürze oder Abbrüche oder Instabilitäten vermehrt frühzeitig erkennen. |
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| Frühwarnsystem für den Himalaya: Wissenschafterinnen und Wissenschafter helfen, Gefahrenhinweiskarten zu verbessern. Dazu schulen sie Fachkräfte und nutzen moderne Simulations-Software. |
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| Schutz vor Katastrophen: Satelliten- und Drohnendaten sowie darauf basierende Computersimulationen helfen,Schäden an Infrastruktur zu vermeiden. |
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Auf der Suche nach Bewegungen per Satellit: Radarsensoren aus dem All liefern wichtige Informationen, wo sich Felsoder Schutt bewegen. Selbst, wenn es nur um wenige Zentimeter geht. «Das kann dann bereits ein Hinweis auf eine sich anbahnende Instabilität sein», sagt Yves Bühler, Leiter der Forschungsgruppe Alpine Fernerkundung am SLF. Sein Team sucht genau solche Gebiete, in denen ein Erdrutsch, Felssturz oder eine Eislawine droht.
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Der Anspruch an die Forschungsgruppe ist gross: Bühler und sein Team sollen Grundlagen liefern, um das System für Gefahrenhinweiskarten in Indien zu reformieren. Ziel ist, sie auf ein vergleichbares Niveau zu heben, wie es für dieSchweiz existiert. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA unterstützt das Projekt mit 230’000 Schweizer Franken und Personal vor Ort. «Diese Zusammenarbeit ist für die DEZA ein wichtiger Beitrag zum Schutz der Bergbevölkerung im Himalaya vor Naturgefahren, die durch den Klimawandel weiter zunehmen und die ärmsten und verletzlichsten Menschen besonders stark treffen. Dank Schweizer Fachwissen wird eine wichtige Basis geschaffen für die Weiterverbreitung der Methode im Himalaya und anderen Bergregionen», sagt Riccarda Caprez,Projektverantwortliche bei der DEZA und Programmverantwortliche Klimaanpassung und Katastrophenvorsorge.
Dafür setzen die Forschenden auf die Kombination von Fernerkundung per Satellit und Drohnen sowie die am SLF entwickelte Software RAMMS , und zwar das Modul für die Simulation von Fels-Eis-Stürzen. Damit simuliert das Team auf Basis der Daten aus dem All zahlreiche Prozesse. «Auf diese Weise können wir abschätzen, wo etwas passieren könnte, das kann bald sein oder aber erst in zehntausend Jahren», erklärt Bühler.
Ende November 2024 war er mit drei Kolleginnen und Kollegen nach Uttarakhand in Indien gereist. Dort schulten siel okale Expertinnen und Experten darin, die Software zu nutzen und Gefahrenanalysen für ihre Region zu erstellen.
Die Nachfrage war immens. Anstelle der erwarteten zwanzig bis dreissig wollten mehr als doppelt so viele Personen an dem dreitägigen Kurs teilnehmen. Kein Wunder, war es doch erst vor wenigen Jahren in der Region zu einem tragischen Ereignis gekommen, der Katastrophe von Chamoli im Jahr 2021. «Das war ein extremes Kaskadenereignis», erklärt Bühler. Mit Gletschereis bedeckter Fels stürzte aus einer Höhe von 6’000 m über dem Meeresspiegel hinab und riss weiteres Eis und wassergesättigtes Geröll mit ins Tal. Von dort drangen die Massen dann als Schlamm-Geröll-Lawine weiter vor. Auf ihrem Weg zerstörte das Gemisch unter anderem zweiWasserkraftwerke. Rund 200 Menschen starben oder werden nach wie vor vermisst.
Ein funktionierendes Frühwarnsystem und Hinweise, welche Gebiete gefährdet sind, hätten einiges verhindern können. Auch auf politischer Ebene ist in Indien daher das Interesse an besseren Methoden gross. Und die Betreiber von Wasserkraftwerken in der Bergregion erho!en sich von der Arbeit der SLF-Wissenschafterinnen und .Wissenschafter ebenfalls detailliertere Angaben zur aktuellen Situation und über mögliche Gefahren für ihre Anlagen und geplanten Projekte.
Solche Angaben wollen die SLF-Forschenden liefern. Mit Hilfe der RAMMS-Software simulieren sie ausgewählte Prozesse. «Bedrohung wie in Chamoli könnten mit den neuen Methoden und durchdachten Szenarien in Zukunft vielleicht rechtzeitig erkannt und die Infrastruktur besser geplant und geschützt werden», vermutet Bühler. Die Kombination von Fernerkundung (Fernerkundung = Remote Sensing) und Modellierung soll künftig erlauben, vergleichbare Instabilitäten früher zuerkennen und die Behörden und die Bevölkerung besser darauf vorzubereiten, auch durch aktuelle Gefahrenhinweiskarten.
Zugute kommt den Forschenden die neue Generation von Radarsensoren, die sich an Bord moderner Satelliten befinden. «Oberflächenverschiebungen können damit heute vom Weltraum aus mit hoher räumlicher und zeitlicher Auflösung erfasst und gemessen werden», sagt SLF-Wissenschafter Andrea Manconi. Der Vorteil: Die Satelliten liefern auch Daten aus abgelegenen, unzugänglichen Gebieten und dies auch bei schlechtem Wetter. Bis Ende 2025 läuft Manconis Projekt noch, bei dem er potenzielle Gefahren simuliert. Dabei stützt er sich auf Erkenntnisse , die er beim Felssturz in Brienz (GR) gewonnen hat: «Wir haben unsere Methoden in den Schweizer Alpen erfolgreich getestet und validiert und können sie nun auch im indischen Himalaya anwenden.»
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Im Patalganga Tal bei Joshimath im Distrikt Chamoli im indischen Bundesstaat Uttarakhand hat Manconi mit Hilfe von Radar-Satellitendaten eine grosse Rutschung ausgemacht. Sollte sich diese beschleunigen und rasch abgleiten, könnte sie den Fluss aufstauen, wie es wahrscheinlich im Jahr 1970 schon einmal passiert ist. «Während des Monsuns, wenn viel Wasser vorhanden ist, könnte der so aufgestaute See ausbrechen und als grosse Schlamm-Geröll-Lawine die flussabwärts gelegenen Wasserkraftwerke und Dörfer zerstören», beschreibt Manconi das bedrohlichste Szenario. SLF-Forschende überwachen diese Rutschung nun aus dem All, um rechtzeitig eine Beschleunigung zu erkennen.
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| Quelle: Text Jochen Bettzieche , SLF News, 19. März 2025 |
| Flutkatastrophe im Teesta-Tal in Sikkim (Indien) |
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