von "Pro Bhutan e.V.", Lörrach (Deutschland)
1958 war ein Gletschersee im bhutanischen Himalaja, sein Gletschertor die Quelle des Flusses Mo-Chhu, mit schmetterndem Getöse geborsten; ein gigantischer Eisbrocken eines darüber liegenden Gletschers war in den See gestürzt , hatte das eisige Wasser gegen die Endmoräne, den natürlichen Damm des Sees, geschleudert, diesen ohne Widerstand zerfetzt. Eine gewaltige Flut stürzte sich durch die Schluchten, die der Mo-Chhu zu seinem Flussbett gewählt hatte. Sie riss alles mit sich, was sie erfassen, was nicht fliehen konnte; Tausende von Bäumen, wilde Bergschafe, Gämsen, Hirsche, Bären; Rinder der Bergbauern, etliche unglückliche Menschen. Im sich verbreiternden Tal von Punakha verlor die Flut nur etwas von ihrer tosenden Gewalt; sie hatte noch genügend Kraft, die uralte Kragbrücke vom kleinen Ort zum majestätischen Dzong von Punakha spielerisch wegzufegen. Die Wucht der Bugwelle, verstärkt durch die Rammböcke der mitgerissenen Baumtrümmer, zerschlug einen der beiden, etliche hundert Tonnen schweren Brückentürme; der 10 m hohen Uferböschung, wo der Turm gestanden hatte, entriss sie gleich noch Tausende Tonnen Erdreich, verbreiterte den Fluss um über 20 Meter. Den Brückenturm auf dem Ufer des Dzongs verschonte sie; zersplitterte Brückenbalken kragten wie anklagende Finger aus seinem Fundament über die tosende braune Flut.
weil er vom Reichsgründer Bhutans, Shabdrung Nawang Namgyel selbst 1637 als sein Stammsitz erbaut wurde, und wo er heute einbalsamiert als 'lebende Gottheit' verehrt wird,
Die katastrophale Flutwelle von 1968 hatte den Dzong vom Ort Punakha abgeschnitten; er war nur vom 15 km flussabwärts entfernten Wangdiphodrang zu erreichen. Eine Stahlkabel-Hängebrücke, wie die alte Holzbrücke nur für Menschen und Haustiere geeignet, wurde als Ersatz errichtet. Das hässliche Provisorium, das die Schönheit des Dzong beleidigte, überdauerte fast 40 Jahre; bis sie dem Bau der neuen "Pro Bhutan"- Brücke in 2007 weichen musste. Noch1999 glaubte niemand in Bhutan, dass bei der enormen Verbreiterung des Flussbettes jemals wieder eine klassische Holz-Kragbrücke in bhutanisch traditioneller Architektur dem heiligen Dzong seine Würde wiedergeben würde.
Zwar gibt es in Bhutan noch etliche alte Kragbrücken, doch keine in der erforderlichen Dimension. Schriftliche Dokumente wie Baupläne früherer Brücken waren nicht aufzutreiben; lediglich alte Fotografien einiger früherer Kragbrücken. Der "bazaam" mit der früher grössten freien Spannweite war der von Wangdiphodrang; er bestand aus 2 Teilen mit einem Mittelpfeiler auf einem Felsen. Auch diese Brücke wurde 1968 von der selben Flutwelle wie der Punakha "bazaam" weggerissen. Nach Erschöpfung aller Recherchenmöglichkeiten konnte Baumgartner endlich einen detaillierten Entwurf des "bazaam" erstellen; sein Sohn Daniel baute ein 1 : 100 Modell, der für die Verhandlungen über das Projekt sehr hilfreich war. Bald war klar, dass ohne Hilfe einer erfahrenen Fachfirma die technische Planung der künftigen Brücke von Punakha nicht zu verantworten wäre. An die Sicherheit der künftigen Brückenbenutzer waren höchste Ansprüche zu stellen. Die schweizerische WALT+GALMARINI AG - Dipl. Bauingenieure ETH SIA USIC, erklärte sich grosszügig bereit, ihre ganz spezifischen Erfahrungen im Brückenbau für die statischen und ingenieurmässigen Planungen und Berechnungen kostenlos einzubringen. Die Züricher Firma ist spezialisiert u.a. auf integrale Planung von weitgespannten Tragwerken wie u.a. im Brückenbau in Stahl, Stahlbeton, Spannbeton und vor allem auch Holz.
Um der Verantwortung von "Pro Bhutan " gerecht zu werden, musste Nestroy in dieser vitalen Frage auf Konzessionen bestehen. Denn "Pro Bhutan" würde die Brücke in eigener Regie schlüsselfertig bauen. Im Interesse der Sicherheit der Menschen, die künftig den "bazaam" überschreiten würden, gab es bei der übermässigen Spannweite der Brücke keine andere Wahl: der (praktisch unsichtbare) Einbau von Stahlteilen zur Stabilisierung der jeweils 21m aus den beiden Türmen ausragenden Kragträger war unerlässlich. Denn im Extremfall würden sich auf der Brücke bei einer Breite von 3.30 m und Länge von 55 m = 167m2 x 3 Menschen pro m2 bei dichtem Gedränge bis zu unglaublichen 500 Menschen gleichzeitig auf der Brücke befinden können. Und solche Gedränge sind anlässlich einer der vielen religiösen Prozessionen zur Klosterburg durchaus zu erwarten; oder beim Einzug S.H. des Je Kempo in seine Winterresidenz allein mit über 500 Mönchen, vielen anderen Würdenträgern und Gläubigen.
Dabei war die Suche nach den geeigneten 165 Bäumen (Chir Pine, eine Kiefernart) eine ganz grosse Herausforderung; es wurden allein 20 Balken von 25 Metern Länge, also Bäume von bis zu 40 Metern benötigt. "Pro Bhutan" -Baustellenleiter Padam Chuwan und Forstbeamte fanden sie schliesslich nach langer Suche in zumeist sehr steilem, unzugänglichem Gelände in verschiedenen Waldgegenden bis zu 30 Km entfernt von Punakha. Der Transport der bis zu 2 to schweren roh zugehauenen Balken war überaus schwierig. Viele der längsten Balken mussten von bis zu 50 Waldarbeitern von der Einschlagstelle Hunderte Höhenmeter mühsamst und unter Leib- und Lebensgefahr per Hand "abgeseilt" werden; zu einem Fluss zum Flössen oder zur nächstgelegen Schotterstrasse; etliche Balken überstanden das nicht, zerbrachen. Die im Bergland Bhutan üblichen kleinen Lastwagen konnten jeweils nur einen der tonnenschweren Rohbalken transportieren, der weit über die Länge des Lasters hinausragte. Haarnadelkurven oder rechtwinklige Brückenzufahrten der engen Gebirgsstrassen erzwangen oft Abladen, Handtransport, Beladen per Hand; Verletzungen, auch schwere, der Arbeiter blieben auch hier bedauerlicherweise nicht aus. Auf der Baustelle übernahmen bhutanische Zimmerleute die inzwischen getrockneten Rohbalken zur Bearbeitung; nur der Grobzuschnitt erfolgte mit der Motorsäge, jegliche Feinarbeit mit Handwerkzeug. Mit gleichbleibender Sorgfalt gestalteten diese stets fröhlichen Zimmerleute die Kragbalken, fügten sie die 4 massiven Tore der beiden Brückentürme zusammen, erstellten sie die Dachbalken des "bazaam", schnitzten sie die Segmente der 2 x 55 Meter Geländer. Diese Zimmerleute verstehen ihr traditionelles Handwerk, waren sie doch schon bei der erst 2007 abgeschlossenen Renovierung des Punakha Dzongs dabei.
Begriffe:
Der Premier Minister würdigte die Leistung von "Pro Bhutan" u.a. so: nach dem Verlust der originalen Brücke vor einem halben Jahrhundert war die Klosterburg von Punkaha wie ein Mensch, dem ein Arm oder ein Bein amputiert wurde; mit der neuen Brücke in traditioneller Architektur hat der heilige Dzong seine Majestät, seine Harmonie und seine Spiritualität wieder zurück erhalten. Für die deutsch-bhutanischen Beziehungen war diese Einweihung das weitaus spektakulärste Ereignis, die Brücke der sichtbarste und in Bhutan höchst geschätzte Ausdruck. Der Weg für die im Dzong von Punakha anstehende Krönung des neuen Königs von Bhutan, Seine Majestät Jigme Khesar Namgyel Wangchuck, steht nun frei.
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