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2016 - Umweltunfall in der Staumauer Punt dal Gall

PCB-Vergiftung im Spöl hat dramatische Ausmasse

Am 12. Februar 2021 hat das Amt für Natur und Umwelt GR eine Verfügung bezüglich der Sanierung des Flusses Spöl erlassen, der mit Polychlorierten Biphenylen (PCB) aus den Anlagen der Engadiner Kraftwerke verseucht ist. Der Schweizerische Nationalpark als Geschädigter hat gegen diese Verfügung Beschwerde eingelegt. Chemische Untersuchungen an einem toten Uhu-Weibchen aus dem Spöltal zeigen, dass die Vergiftung des Spöl weit schlimmer ist als bisher angenommen: Der Uhu weist einen rund tausendmal höheren PCB-Wert als ein Mensch im Durchschnitt auf. Offenbar ist bereits die ganze Nahrungskette verseucht. Die Eidgenössische Nationalparkkommission fordert den Kanton Graubünden auf, entschlossen und unverzüglich zu handeln.

Wegen Fehlern bei Revisionsarbeiten in der Staumauer Punt dal Gall der Engadiner Kraftwerke AG (EKW) gelangten im Herbst 2016 hohe Mengen PCB-haltige Partikel aus alten Korrosionsschutz-Anstrichen in den Fluss Spöl oberhalb von Zernez. Die hochgiftigen Chemikalien verteilen sich entlang der 5,75 Kilometer langen Gewässerstrecke. Sie konnten im Wasser, im Sediment und in Fischen nachgewiesen werden. Da die Kontamination im Sediment bis in eine Tiefe von 50 cm reicht, muss ein grosser Anteil des PCB schon vor 2016 in den Spöl gelangt sein.

Massiv verseuchter Uhu

Vier Jahre später, am 20. September 2020, hat ein Mitarbeiter des Schweizerischen Nationalparks (SNP) im Spöltal ein totes Uhu-Weibchen gefunden. Der SNP hat den Kadaver an das Veterinärmedizinische Institut der Universität Bern geschickt, wo das Fettgewebe herauspräpariert wurde. Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA) hat das Gewebe analysiert und eine enorme PCB-Belastung von über 550 Milligramm i-PCB pro Kilogramm Körperfett gemessen. Dies entspricht einer Gesamtmenge an PCB von rund einem Gramm pro Kilogramm Körperfett. Gemäss Dr. Ruedi Haller, Direktor des SNP, ist dieser Wert exorbitant hoch. Dies entspricht dem Tausendfachen des durchschnittlichen Wertes bei Menschen. Solche Konzentrationen sind für Mensch und Tier krebserregend, schädigen die Fortpflanzung, den Hormonhaushalt, die Knochenbildung sowie das Blut und führen zu chronischen und tödlichen Vergiftungen.

Unzureichende Verfügung

Die EKW werden in der Verfügung vom 12. Februar 2021 zwar vom Amt für Natur und Umwelt (ANU) als Verursacherin der PCB-Belastung im Spöl in die Pflicht genommen. Die Verfügung sieht jedoch nur eine Sanierung der ersten 2,75 km des Spöl vor. Die untere, fast 3 km lange Strecke soll nicht saniert werden. Dies, obwohl im Bereich Praspöl (Abschnitt 5) Werte gemessen wurden, die 5 Mal so hoch liegen wie der empfohlene Richtwert für einen guten und 10 Mal höher als der Wert für einen sehr guten Gewässerzustand.

Sofortiges Handeln dringend notwendig

Bislang gingen die Beteiligten davon aus, dass eine beschränkte Sanierung der am stärksten belasteten, gut zugänglichen Gewässerbereiche ausreichend sei. Die exorbitant hohe PCB-Belastung des Uhus zeigt nun aber, dass bereits die ganze Nahrungskette im Spöltal stark betroffen ist. Aus diesem Grund hat der SNP Beschwerde gegen die Verfügung des ANU eingelegt. Abhilfe kann in dieser Situation nur die umfassende und umgehende Sanierung der gesamten Fliesstrecke von 5,75 km am oberen Spöl schaffen.

Die Eidgenössische Nationalparkkommission (ENPK) ist von der Eidgenossenschaft eingesetzt worden, um den Nationalpark vor schädlichen menschlichen Einflüssen zu schützen. Sie fordert daher vom Kanton nach dem Scheitern eines Runden Tisches nun rasches und entschlossenes Handeln. ENPK-Präsidentin Heidi Hanselmann:

«Es hilft nur ein rascher Quellenstopp, das heisst, die radikale Entfernung und umweltverträgliche Entsorgung der PCB-haltigen Sedimente. Ausserdem muss das Problem mit dem Druckstollen gelöst werden. Mit jedem Tag, an dem das PCB weiter im Spöl und im Staubecken Ova Spin verbleibt, kontaminiert es das Wasser und vergiftet die im und am Wasser lebenden Tiere im SNP, insbesondere die Prädatoren. Zudem gelangt das PCB in tiefergelegene Gebiete und damit in die Nähe der Menschen.»

Der Kanton muss auch abklären, wie stark das Sediment im Ausgleichsbecken Ova Spin, welches zur Hälfte im SNP liegt, kontaminiert ist. Dieses Becken leidet zudem unter einer weiteren PCB-Quelle der EKW: Ihr Druckstollen vom Lago di Livigno zum Kraftwerk Ova Spin ist im Inneren ebenfalls mit einem PCB-haltigen Korrosionsschutz beschichtet. Umfang und Menge sind unklar. Wasser wird vom Lago di Livigno zum Kraftwerk Ova Spin geleitet, von dort aber auch wieder für die Produktion von Spitzenenergie hochgepumpt. Im Druckstollen gelangen bei jedem Wasserdurchgang PCB-haltige Korrosionsschutz-Partikel und gelöstes PCB in den Wasserkreislauf. Auch hier herrscht dringender Sanierungsbedarf, umso mehr, als dass in den nächsten Jahren der Stausee entleert und Anlageteile der Staumauer saniert werden müssen.

Die ENPK fordert den Kanton Graubünden auf, die totale Sanierung der 5,75 km des Oberen Spöl durch die EKW unverzüglich zu veranlassen. Falls sich die EKW mit juristischen Mitteln dagegen wehren, muss der Kanton die Totalsanierung trotzdem verfügen und parallel dazu die Frage nach den Verantwortlichkeiten klären.

Quelle: Text Schweizerischer Nationalpark SNP , 19. März 2021
Umweltunfall in der Staumauer Punt dal Gall
Fragen und Anworten
Was sind Polychlorierte Biphenyle PCB, wofü̈r wurden sie verwendet und weshalb sind sie für Lebewesen so gefährlich?
PCB sind kükünstlich hergestellte, hantelförmige Moleküle aus Kohlenstoff, Chlor und Wasserstoff. Es sind meist Substanzgemische aus 209 verschiedenen Einzelsubstanzen (genannt "Kongeneren"). Diese unterscheiden sich durch die Anzahl und Stellung der Chloratome an den Benzolringen.
Warum sind PCB hochproblematische Gifte?
PCB sind extrem schwer abbaubar. Ihre Lebensdauer in der Umwelt beträgt viele Jahrzehnte bis Jahrtausende. Inzwischen sind PCB in der Umwelt überall vorhanden, sogar in den Fischen der Antarktis, und werden von Menschen täglich in kleinsten, aber nicht unbedenklichen Mengen mit der Nahrung aufgenommen. In der Schweiz liegt die tägliche Aufnahme über dem europäischen Durchschnitt.

PCB sind sehr gut fettlöslich und reichern sich daher im Körperfett an. Sie weisen eine extrem hohe Bioakkumulation auf. Wegen ihrer chemischen Stabilität werden sie nicht abgebaut.

PCB sind chronisch hochgiftig: Sie wirken für den Menschen und für Tiere als starkes (chronisches) Gift. Nachweise dazu finden sich in der wissenschaftlichen Literatur in grosser Zahl. Festgestellt wurden etwa die Verursachung von Krebs, Schädigung der Fortpflanzung, des Immunsystems, Hormonstoffwechsels, oxidativer Stress oder pathologische Veränderungen im Gewebe.

Welche Auswirkungen haben PCB auf Lebewesen?
Aufgrund der starken Fettlöslichkeit weist PCB eine ausgeprägte Tendenz zur Bioakkumulation auf. Neben ihrer Toxizität sind ihre chemische Stabilität (äusserst langsamer Abbau, Persistenz) und Fettlöslichkeit die massgeblichen umweltrelevanten Stoffeigenschaften. Wirbellose Kleinlebewesen nehmen das PCB aus dem Wasser und aus dem Sediment auf und werden ihrerseits von grösseren Tieren wie Fischen gefressen. Dadurch reichert sich das PCB im Fettgewebe der Tiere an. Besonders betroffen sind Raubtiere an der Spitze der Nahrungspyramide. Hohe Mengen sind für Mensch und Tier krebserregend, schädigen die Fortpflanzung, den Hormonhaushalt sowie das Blut und führen zum Tod. Es entstehen chronische Vergiftungen. Das PCB-Problem hat Ähnlichkeiten mit radioaktiven Abfällen.
Wo befindet sich das PCB im Fluss?
Da PCB schwer wasserlöslich ist, kommt es hauptsächlich in fester Form in vor, insbesondere als kleine Partikel im feinen Gewässersediment. Die PCB-Partikel adhäsieren vor allem an Sedimentpartikeln kleiner als 2 mm und werden mit der Strömung im ganzen Fluss verteilt. Je nach Strömungsgeschwindigkeit und -energie lagern sie sich in strömungsarmen Bereichen näher oder weiter entfernt von der Staumauer ab. Die Löslichkeit von PCB in Wasser ist allerdings hoch genug, um das Wasser mit einer problematischen Konzentration zu beladen. Die geringe Löslichkeit führt dazu, dass das Wasser aus ein und derselben PCB-Quelle über Jahrzehnte oder Jahrhunderte mit PCB belastet wird. Im Spöl wurden zwischen 2 und 3 ng i-PCB/Liter gemessen, am meisten davon im Unteren Spöl (Belastung aus Druckstollen). Es handelt sich um die weitaus höchste, im Kanton Graubünden gemessene Konzentration.
Stammt das gesamte PCB vom Ereignis 2016?
Nein, ein Teil des PCB stammt aus dem Kraftwerksbetrieb der letzten 50 Jahre. Das PCB wird vom Wasser aus den Anlageteilen ausgewaschen und gelangt dadurch in den Fluss. Das genaue Ausmass ist jedoch nicht bekannt. Tatsache ist, dass PCB in Sedimentablagerungen gefunden wurde, die bis in 50 cm Tiefe reichen und auch Gebiete umfassen, die nur bei Hochwasser überspült wurden. Aufgrund der identischen Zusammensetzung wie bei der Kontamination von 2016 stammen auch diese früheren PCB-Einträge mit hoher Wahrscheinlichkeit aus den Anlagen der EKW.
Wann, wo und durch wen wurde das tote Uhu-Weibchen gefunden?
Der Uhu wurde am 20. September 2020 durch einen Parkwächter des Schweizerischen Nationalparks (SNP) rund einen Kilometer unterhalb der Staumauer Punt dal Gall unmittelbar neben dem Wanderweg am Ufer des Spöl gefunden. Es ist sehr selten im SNP, dass ein Vogel in so gutem Zustand gefunden wird und für solche Untersuchungen genutzt werden kann. Normalerweise wird Aas innerhalb von Stunden oder Tagen von anderen Tieren genutzt, sprich gefressen oder verschleppt. So gesehen war der Fund ein absoluter Zufall. Es war auch Glück, dass kein anderes Tier den vergifteten Uhu fand und frass.
Weshalb weist ausgerechnet ein Uhu eine so hohe PCB-Konzentration auf?
Es ist bekannt, dass Uhus sich je nach Nahrungsangebot von Fischen ernähren können. Dies ist etwa in einer Schlucht der Fall, wie sie im Spöltal vorliegt. Durch die Aufnahme von kontaminiertem Fisch reichert sich das PCB im Fettgewebe des Uhus an. Die Fische ihrerseits ernähren sich von kontaminierten Kleinlebewesen.
Welche weiteren Tierarten sind durch das PCB gefährdet?
Das PCB verteilt sich grundsätzlich in der ganzen Nahrungskette (siehe Faktenblatt A). Die Tiere an der Spitze der Nahrungspyramide weisen die höchsten Konzentrationen auf, weil sich bei ihnen das PCB anreichert. Im SNP sind dies Arten wie Uhu, Steinadler, Graureiher, Fuchs, Bär, Fischotter oder Bachforelle, aber auch Aasfresser wie Bartgeier oder Insektenfresser wie Wasseramseln, Wasserspitzmäuse und weitere Arten.
Wie kann das PCB aus dem Spöl entfernt werden?
Das Sediment muss entnommen, gesiebt und das PCB in einer Reinigungsanlage mit einem chemischen Verfahren aus dem Feinanteil extrahiert werden. Die belasteten Anteile werden einer Sonderverbrennungsanlage zugeführt, das übrige Sediment kann später wieder in den Bach eingebracht werden. Erfahrungen mit diesem Verfahren konnten 2017 bei der Reinigung des Tosbeckens unmittelbar unterhalb der Staumauer und im Rahmen eines Pilotversuchs gesammelt werden. Die Resultate zeigen, dass eine Reinigung des Sediments möglich ist.
Quelle: Text Schweizerischer Nationalpark SNP , 19. März 2021
Ausschnitte aus: PCB im Spöl, SNP März 2021, FAQ: Fragen und Antworten
Ausschnitte aus: Faktenblatt A: PCB Spöl – Grundlagen, SNP März 2021
Auswahl der Fragen: RAOnline
Die PCB-Vergiftung im Spöl wird zu einem Rechtsfall

11. Dezember 2020
Nach mehreren Verhandlungen am Runden Tisch werden diese wegen unüberbrückbarer Differenzen bei der Kostenfrage und dem damit verbundenen Umfang der Sanierung des Spöls ergebnislos beendet.

12. Februar 2021
Das ANU erlässt eine Verfügung für die Sanierung. Diese verlangt nach wie vor nur die Sanierung der oberen Hälfte des oberen Spöl (Abschnitte 1-3).

15. März 2021
Der Schweizerische Nationalpark erhebt Beschwerde gegen die Sanierungsverfügung des ANU (Eingabefrist: 17. März 2021)

Die Stiftung Schweizerischer Nationalpark (SNP) hat gegen die Verfügung des Amtes für Natur und Umwelt (ANU) vom 12. Februar 2021 (Sanierungsverfügung) am 16. März 2021 Beschwerde erhoben. Beschwerdeinstanz ist das Erziehungs-, Kultur- und Umweltschutzdepartment, welches gleichzeitig das ANU fü̈hrt und ü̈berwacht. In nächster Instanz wäre das Bü̈ndner Verwaltungsgericht zuständig. Letztinstanzlich könnte der Fall vor das Bundesgericht gebracht werden.

Quelle: Text Schweizerischer Nationalpark SNP , 19. März 2021
Ausschnitte aus: Faktenblatt B: PCB Spöl – Chronologie der Ereignisse, SNP März 2021
Auswahl: RAOnline
Spöltal Giftquelle im Idyll 2021
Schweiz Wasser stellt Ansprüche Studie am Spöl 2012

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