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Österreichische Polarforschung
Sermilik - Die Österreichische Polarstation in Ostgrönland

In die Wildnis und zurück

Während der Forschungsexkursion mit Studierenden der Universität Graz im Sommer 2024 konnte die österreichische Polarforschungsstation "Sermilik" ihre vielseitige Nutzung als Lehr- und Forschungsstätte unter Beweis stellen.

Im Rahmen der Gebirgs- und Polarforschung - ein thematischer Schwerpunkt am Institut für Geographie und Raumforschung der Universität Graz- nahm ich im Sommer 2024 als Biologe an einer studentischen Exkursion nach Ostgrönland unter der Leitung von Wolfgang Schöner und Jakob Abermann teil. Zwei Jahre zuvor unterzeichnete die Universität Graz einen Kooperationsvertrag mit der Universität Kopenhagen mit dem Ziel, die Aktivitäten an der Forschungsstation Sermilik, die sich auf der Insel Ammassalik im Südosten Grönlands befindet und von beiden Universitäten gemeinsam betrieben wird, zu erweitern. Dank grosszügiger privater Unterstützung konnte ein neues Gebäude errichtet werden, um die österreichische Polarforschung im 21. Jahrhundert unter dem Dach des Österreichischen Polarforschungsinstituts effizient zu etablieren.

Die Anreise

Mit dem Flugzeug landeten wir am 25. Juli 2024 aus Island kommend auf dem Flughafen Kulusuk. Von dort aus fuhren wir mit dem Boot nach Tasiilaq, der grössten Siedlung Ostgrönlands mit rund 2'000 Ansässigen.

Die rund 2'800 km lange Küste Ostgrönlands ist mit einer Bevölkerung von insgesamt 3'500 Personen sehr dünn besiedelt, und die weiter entfernten Siedlungen können nur auf dem Luftweg oder auf dem Wasserweg erreicht werden, wenn das Meereis es zulässt. Die ostgrönländische Strömung transportiert ständig Eisberge und Meereisschollen nach Süden, die sich wie lose Puzzlestücke entlang der Küste zusammenfügen.

Diesen im Sommer 2024 besonders dichten Gürtel mit Booten zu durchqueren, erfordert viel Erfahrung; so ging es in einem abenteuerlichen Slalom Richtung Tasiilaq. Den Kontrapunkt setzten zahlreiche Zwergwale, die mit eleganten Bewegungen ruhig durch das Wasser glitten.

Die ersten Tage verbrachten wir damit, die Gegend um Tasiilaq kennenzulernen. Der Ort verfügt über eine funktionierende Infrastruktur mit einem kleinen Hafen, einer Schule, einem Krankenhaus, einer Polizeistation, Sportanlagen, einem Postamt, zwei Supermärkten und einem begrenzten Strassennetz. Die soziale Lage der Bevölkerung, die überwiegend aus Inuit besteht, ist jedoch schwierig. Mit einem erstarkenden Tourismus werden zwar Arbeitsmöglichkeiten geschaffen, andererseits hat sich die ursprüngliche Lebensweise, die sich schon seit der dänischen Christianisierung zu ändern begann, in den letzten Jahrzehnten immer mehr aufgelöst. Ein Heimatmuseum zeugt noch von der Geschichte der Inuit. In einer nahegelegenen Werkstatt werden Tupilaks, aus Knochen geschnitzte Figuren, als Souvenirs angeboten. Wanderungen in der Umgebung führten uns auf den Hausberg von Tasiilaq (Qaqqartivakajik). Von dort aus konnten wir die Geomorphologie der gesamten Bucht studieren, die von schroffen Gipfeln gekrönt wird. Wir erkundeten auch das beeindruckende Blumental südwestlich von Tasiilaq, das sich durch eine grosse Vielfalt an arktischer Vegetation einschliesslich ihrer Moose und Flechten auszeichnet.

Sermilik als Lehr- und Forschungsstätte

Einige Tage später fuhren wir mit dem Schiff in Richtung der Forschungsstation Sermilik, die im gleichnamigen Fjord liegt. Das Wetter war als wechselhaft vorhergesagt und hätte eine spätere Überfahrt schwierig gemacht. Nach einer etwas mehr als einstündigen, kühlen Bootsfahrt erreichten wir die Station und bezogen das alte dänische und das neue österreichische Stationsgebäude. Wir machten uns mit der Infrastruktur vertraut und verstaute die Lebensmittel, die wir für die 14 Personen mitgenommen hatten. Danach konnten die Studenten mit dem wichtigsten Ziel der Exkursion fortfahren: sich mit Forschungs- und Umweltmessungen im Rahmen der Polarforschung vertraut zu machen.Solche Experimente vertiefen das Wissen über die treibenden Kräfte, Prozesse und Auswirkungen des Klimawandels in kalten Regionen. Die gewonnenen Messdaten werden auch in numerischen Modellen für die Energie- und Massenbilanz von Gletschern verwendet. Letztlich sollen die Beobachtungen in den noch kalten Umgebungen schmelzender Gletscher zu einem besseren Verständnis des globalen Wandels beitragen - der grössten Herausforderung, vor der die Menschheit steht.

Das Gebiet um Sermilik ist für diesen Zweck ideal, denn von der Forschungsstation ist es nur ein kurzer Spaziergang zum Mittivakkat-Gletscher, für den die längste Serie von Massenbilanzmessungen in Grönland existiert (erstmals 1933 geodätisch vermessen) und von dem seit 1995 Messungen der Oberflächengeschwindigkeit durchgeführt werden. Der Schwund des Gletschers ist beträchtlich, er hat innerhalb von vier Jahrzehnten mehr als ein Drittel seines Volumens verloren. Um das Schicksal des Gletschers genau verfolgen zu können, wurden während der Exkursion Wetterstationen gewartet, Messungen der Gletscherschmelze und des Abflussvolumens vorgenommen sowie Drohnenflüge zur Untersuchung der Temperaturschichtung und andere Untersuchungen durchgeführt. Auf diese Weise konnten sich die Studenten an die Polarforschung vor Ort gewöhnen, während sie gleichzeitig in begleitenden Vorlesungen einen tiefen Einblick in die Meteorologie und Glaziologie erhielten.

Die täglichen Wanderungen auf dem Gletscher und in der Umgebung der Forschungsstation waren für viele von uns tief beeindruckend, mit atemberaubenden Ausblicken auf den Sermilik-Fjord und das dahinter liegende grönländische Inlandeis. Auch für die Leiter, die die Gegend schon länger kannten, gab es etwas Neues. Ganz in der Nähe der Station, auf einer Insel, die bei Ebbe über eine Sandbank zugänglich ist, fanden wir die Überreste von drei Inuit-Häusern, die offenbar auf keiner Karte verzeichnet waren. Eine Begegnung blieb allen Exkursionsteilnehmern in bleibender Erinnerung: Bei einer Wanderung in Richtung eines Felsvorsprungs, der sich aus dem oberen Ende des Mittivakkat-Gletschers erhebt, stellte sich uns ein Eisbär, der den Berg hinaufkam, erst in den Weg und verschwand dann hinter einer Bergkuppe. Obwohl der Bär nicht in der Nähe war, entspannte sich die plötzlich angespannte Situation erst nach einigen Drohnenüberflügen, die uns versicherten, dass der Bär eine Pause einlegte und schlief.

Obwohl der Schwerpunkt der Forschung im Sommer stattfinden soll, wird ein ganzjähriger Betrieb möglich sein und damit neue Forschungsmöglichkeiten wie etwa Untersuchungen zur Veränderungen der Schneedecke und damit im Zusammenhang stehender Energieaustausch mit der Atmosphäre eröffnen. Die wissenschaftliche Ausrüstung wird sowohl einfache hydrologische sowie geomorphologische Laborarbeit im Nasslabor - mit Wasseranschluss - als auch im Trockenlabor direkt vor Ort ermöglichen. Die Energieversorgung ist nach höchsten ökologischen Kriterien ausgelegt. Solarpaneele werden vor allem in den Sommermonaten die Station mit elektrischer Energie autark machen. Im Winter und in Zeiten mit Bedeckung steht ein 60 kW Generator samt Backup-Einheit zur Verfügung, der mit CO2-neutralen Treibstoffen versorgt werden wird.

Im separaten Werkstattgebäude werden Reparaturmöglichkeiten für Geräte sowie Snowscooter und Boote geschaffen. In einer weiteren Ausbauphase ist angedacht, ein eigenes Forschungsschiff anzuschaffen, um Untersuchungen im Bereich der Meeresbiologie besser zu ermöglichen. Das eröffnet umfangreiche Forschungstätigkeiten für bereits zwei der drei Disziplinen des APRI - Kryosphäre und Ökologie - und wird auch Studierenden aus Österreich einen Zugang zu Forschungsreisen ermöglichen. Durch die Einbindung der lokalen Bevölkerung kann auch der dritte Forschungsschwerpunkt über soziale und kulturelle Systeme einen Beitrag zur Polarforschung leisten.

Martin Grube ist Professor an der Universität Graz. Sein Hauptforschungsinteresse gilt der Vielfalt von Pilzsymbiosen und der Evolution von Flechten.

Quelle: Text APRI-Medienteam, Austrian Polar Research Station, 27. November 2024
 
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