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Gemeinsame Mitteilung der Engadiner Kraftwerke AG (Zernez), des Schweizerischen Nationalparks (Zernez) und dem Amt für Jagd und Fischerei Graubünden

Am Samstag, den 30. März 2013 ist es im Bereich der Stauanlage Punt dal Gall im Schweizerischen Nationalpark (SNP) zu einem Zwischenfall bei den Engadiner Kraftwerken AG (EKW) mit gravierenden ökologischen Folgen gekommen. Aufgrund technischer Probleme kam die Restwasserversorgung zum Erliegen. Die nachfolgende Erhöhung der Wassermenge führte zu einem hohen Schlammeintrag auf der Strecke zwischen Punt dal Gall und dem Ausgleichsbecken Ova Spin im Schweizerischen Nationalpark. Durch die hohe Sedimentfracht wurde die Lebensgemeinschaft im Spöl weitgehend ausgelöscht.

Der ausserordentlich tiefe Wasserstand im Staubecken Livigno hatte zur Folge, dass im Bereich der beiden Zuflüsse Spöl und Aqua del Gallo die in Staumauernähe abgelagerten Feinsedimente mobilisiert wurden. Diese Tatsache hat vermutlich am Samstag bei einem Seespiegel von rund 17 m über dem Absenkziel dazu geführt, dass eingetragener Schlamm das Dotiersystem blockiert hat. Da durch den Schlammeintrag offenbar auch die zugehörigen Überwachungssysteme ausfielen, konnte die rund um die Uhr besetzte Leitstelle der EKW diese Fehlfunktion nicht feststellen. Das fehlende Wasser im Spöl wurde in der Folge erst durch am Spöl patrouillierende Parkwächter festgestellt, welche über die Geschäftsleitung des SNP sofort die Verantwortlichen der EKW alarmierten.

Ein Pikettdienst leistender Mitarbeiter der EKW wurde sofort zum Fuss der Staumauer Punt dal Gall beordert, wo dieser das gänzlich ausgefallene Restwasser feststellte. Als in dieser Situation einzig mögliche Massnahme wurde die Grundablassschütze am Fuss der Staumauer partiell geöffnet, um den Fluss wieder mit Wasser zu versorgen. Dies hatte allerdings den Effekt, dass eine unkontrollierbare Menge Schlamm in das Bachbett des Spöl unterhalb der Staumauer Punt dal Gall ausgetragen wurde, was für die Bachflora und -fauna im betroffenen Bachabschnitt gravierende Folgen hatte. Nach ersten Erkenntnissen verendeten auf einer Strecke von ca. 6 km Tausende von Fischen und die Bachsohle wurde auf derselben Strecke mit Schlamm zugedeckt.

Unabhängig vom geschilderten Unfall verendeten zusätzlich Tausende von Fischen, nachdem sie in Punt dal Gall in das Triebwassersystem gerieten und die Turbinen des Kraftwerks Ova Spin passierten. Wieso diese Fische in das Triebwassersystem gerieten, ist noch nicht klar.

Zusammen mit dem Fischereiaufseher und den anwesenden Fachleuten des Nationalparks wurde der Schaden begutachtet. Eine Quantifizierung des Schadens ist zurzeit nicht möglich und Gegenstand weiterer Abklärungen.

Als betriebliche Sofortmassnahme seitens der EKW wurde der Turbinenbetrieb in Ova Spin bis auf Weiteres eingestellt, so dass sich der Wasserspiegel im Staubecken Punt dal Gall erholen kann.

Die Engadiner Kraftwerke AG bedauern diesen Vorfall ausserordentlich, zumal der Spöl seit mehr als zehn Jahren Gegenstand gemeinsamer Anstrengungen zwischen Nationalpark, Forschungskommission des SNP und der EKW ist, um mit einem innovativen, dynamisierten Restwassersystem die flussökologischen Verhältnisse im Spöl zu verbessern. Sie werden alles daran setzen, die Ursachen dieses Vorfalls aufzuklären und die Folgen möglichst rasch und unbürokratisch zu beseitigen.

Für die Verantwortlichen des SNP bedeuten die dramatischen Ereignisse einen grossen Rückschlag bei der Ökologisierung des Spöl. Jahrelange, erfolgreiche Bestrebungen wurden durch diesen Vorfall zunichte gemacht. Die Parkvertreter können derzeit nicht beurteilen, wie sich das Ökosystem im Spöl zukünftig entwickeln kann, bietet aber mit seinen Fachleuten aus der Forschungskommission Hand für eine Wiederherstellung der natürlichen Lebensgemeinschaft.

Quelle: Text Kanton Graubünden , 31. März 2013
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Aktualisierte Stellungnahme der EKW AG vom 3. April 2013

Was ist vorgefallen?

Am Freitagabend, 29. März 2013 wurden im Ausgleichsbecken Ova Spin eine grosse Anzahl toter Fische festgestellt. Weshalb die Fische in das Triebwassersystem geraten sind und in der Folge in den Turbinen der Zentrale Ova Spin verendeten, war vorerst nicht erklärbar.

Am Samstag, 30. März 2013 stellten Parkwächter des Nationalparks fest, dass im Spöl unterhalb der Staumauer Punt dal Gall kein Wasser mehr floss und schlugen entsprechend Alarm. Der von der EKW in der Folge aufgebotene Pikettdienst habende Mitarbeiter stellte vor Ort fest, dass der Dotierschieber offensichtlich nicht mehr funktionierte. Als Sofortmassnahme und um den Spöl möglichst rasch wieder mit Wasser zu versorgen und damit den konzessionskonformen Zustand wieder herzustellen, wurde entschieden, den Grundablass partiell zu öffnen. Da zu jenem Zeitpunkt nicht bekannt war, was sich wasserseitig der Staumauer zugetragen hatte, führte dies zum Austritt einer extrem hohen Schlammkonzentration (900ml/l) in den Spöl. Dieser Schlamm führte zu der in den Medien bereits mehrfach beschriebenen ökologischen Katastrophe in den ersten rund 6 km des Spöl unterhalb der Staumauer Punt dal Gall.

Erste grobe Einschätzung möglicher Gründe

Im Gegensatz zu den Angaben in der ersten Medienmitteilung vom Sonntagabend, 31. März 2013, sind nach heutigen Vermutungen die beiden Ereignisse (Fischsterben in den Turbinen der Zentrale Ova Spin und Schlammaustritt am Fusse der Staumauer) nicht als zwei voneinander unabhängige Ereignisse zu werten, wie folgende Überlegungen zeigen: Zum Zeitpunkt des Vorfalls lag der Seespiegel auf 1717.40 m.ü.M. - mithin gut 17 Meter über dem konzessionierten Absenkziel von 1700.00 m.ü.M. Auf diesem Seeniveau werden in den beiden Flusstälern des Spöl und des Aqua del Gallo bereits massive Ablagerungen von Feinsedimenten exponiert. Das in beiden Zuflüssen fliessende Wasser vermochte diese Feinsedimente teilweise zu mobilisieren. Dies geschieht in der Regel und aufgrund früherer Beobachtungen während den regulär durchgeführten Spülungen des Ausgleichsbeckens Ova Spin nicht durch eine konstante Erosion der Ablagerungen. Das fliessende Wasser gräbt sich fortlaufend in die z.T. mehrere Meter mächtige Sedimentablagerung ein und bildet dabei momentan ebenso tiefe "Schluchten". Aufgrund der geringen Stabilität der Sedimente stürzen die Wände dieser "Schluchten" in unregelmässigen Abständen ein, was jeweils zu einer momentan massiven Erhöhung der Schwebstoffkonzentration im Wasser führt.

Die dermassen in das Staubecken transportierten Feinsedimente vermögen jedoch in keiner Weise die beiden oben geschilderten Vorfälle, insbesondere nicht die am Fusse der Staumauer, mithin mehrere 100 m von den temporären Seewurzeln entfernte, extrem hohe Schwebstoffkonzentration zu erklären.

Aus heutiger Sicht vermag nur die folgende Vermutung dieses Phänomen zu erklären: die z.T. unregelmässigen Schlammeinträge in den See vermochten im See eine Unterwasser-Schlammlawine auszulösen. Die im See vorhandenen Fische flüchteten vor dieser, vermutlich als schwarze Wand daher kommende Lawine in den Eingang des Druckstollens nach Ova Spin. Als die Maschinen in Ova Spin am Freitagnachmittag oder -abend in Betrieb genommen wurden, wurden die Fische mit dem Triebwasser mitgerissen.

Die mit einer sehr hohen Feinstoffkonzentration am Fusse der Staumauer angekommene Schlammlawine verstopfte in der Folge den Dotierschieber und die mechanische Wassermessvorrichtung. Dies führte u.a. dazu, dass der Schichtführer in der Leitstelle Pradella das fehlende Restwasser nicht feststellen konnte. Diese Tatsache ist jedoch von untergeordneter Bedeutung, denn eine funktionierende Wassermessung hätte nur zu einer früheren Feststellung der Unregelmässigkeit in der Restwasserabgabe geführt. Die weiteren Handlungen, insbesondere das Öffnen des Grundablasses wären jedoch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, zeitlich etwas früher, gleich abgelaufen und die Umweltkatastrophe im Spöl wäre auch so unvermeidbar gewesen.

EKW hat das Labor für hydraulische Anlagen der ETH Lausanne (Prof. A. Schleiss) heute beauftragt, die Vorgänge im See zu analysieren und die oben geschilderte Theorie allenfalls zu verifizieren sowie Empfehlungen zu machen, mit welchen Massnahmen sich solche Ereignisse in Zukunft vermeiden liessen.

Allfällige betriebliche und sicherheitstechnische Einschränkungen der Anlage nach dem Vorfall

Aufgrund der Tatsache, dass der Grundablass, dessen partielle Öffnung erst zur Verschlammung des Spöl im Nationalpark geführt hat, nach wie vor funktionstüchtig ist, kann davon ausgegangen werden, dass sich zurzeit keine sicherheitstechnischen Einschränkungen oder Massnahmen aufdrängen.

Der verstopfte Dotierwasserschieber und die dazugehörende Restwassermesseinrichtung konnten inzwischen wieder in Betrieb genommen werden. Der Turbinenbetrieb in Ova Spin bleibt bis auf Weiteres eingestellt, und es wird vorläufig und in Abstimmung mit den Verantwortlichen des Nationalparks nur Wasser von Ova Spin nach Punt dal Gall gepumpt. Weiter wurde auf unbestimmte Zeit das Restwasser im Spöl auf 2-5 m3/s erhöht, um ein Austrocknen der Schlammablagerungen im Bachbett zu verhindern und möglichst viele Ablagerungen bereits zu mobilisieren. Ebenfalls in Abstimmung mit den Verantwortlichen des Nationalparks wird der Seespiegel im Staubecken Punt dal Gall nicht mehr unter das Niveau von 1720 m.ü.M. abgesenkt.

Das im Moment vorgesehene weitere Vorgehen

Auf der technischen Seite drängen sich bis zum Vorliegen des Berichts der ETH Lausanne keine weiteren Massnahmen auf.

Auf der ökologischen Seite trifft sich am Donnerstag, 4. April 2013 eine Taskforce vor Ort zu einer Begehung des betroffenen Flussabschnitts und einer Einschätzung der Lage sowie Diskussion des weiteren Vorgehens. Mitglieder dieser Taskforce sind Experten der wissenschaftlichen Nationalparkkommission, des Nationalparks selbst, der EAWAG (Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz), des kantonalen Amts für Jagd und Fischerei sowie der z.T. auch für EKW tätigen Umweltberatungsfirmen "Hydra AG, Konstanz" und "Ecowert".

Quelle: Text Engadiner Kraftwerke AG (Zernez) EKW , 3. April 2013

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