Synthesebericht sowie Empfehlungen ans Gesundheitswesen Das Nationale Forschungsprogramm «Covid-19» (NFP 78) erbrachte eine Vielzahl wissenschaftlicher Ergebnisse sowie neue Erkenntnisse zur Bewältigung künftiger Pandemien. Präsentiert wurden diese anlässlich der Abschlussmedienkonferenz im Medienzentrum des Bundeshauses am 14. November 2023. Ausgestattet mit einem Budget von 20 Millionen Franken beschäftigte das Programm rund 200 Forschende in insgesamt 28 Projekten.
Neben der Präsentation der konkreten Forschungsergebnisse wurden auch übergeordnete Erkenntnisse vorgestellt. Diese betrafen die besonderen Rahmenbedingungen der wissenschaftlichen Forschung in Krisensituationen. Hervorgehoben wurde insbesondere der Einfluss der Dynamik der Pandemie auf das Forschungsprogramm, welche von der Wissenschaft eine sehr schnelle Anpassungsfähigkeit erforderte. Linda Nartey, Vizedirektorin im BAG betonte, dass die Forschung für die öffentliche Verwaltung von grosser Bedeutung ist, insbesondere auch bei der Früherkennung und Entscheidfindung bei Pandemien. Marcel Salathé, Präsident der Leitungsgruppe des NFP 78, wies darauf hin, dass die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Behörden intensiviert und institutionalisiert werden muss, damit diese in Krisensituationen reibungslos funktionieren kann. Der Synthesebericht zum Forschungsprogramm enthält Kurzzusammenfassungen aller 28 Projekte sowie eine Würdigung der Forschungsarbeiten in den vier wissenschaftlichen Modulen. Im inhaltlichen Teil des Syntheseberichts werden diverse Empfehlungen ausgesprochen, unter anderem eine Institutionalisierung des Wissenstransfers zwischen Wissenschaft und Behörden. Wunsch zur Zerschlagung des politischen Systems Weiterhin zeigten die Studienergebnisse, dass bei einer stärkeren Unterschätzung der damaligen Risikowahrnehmungen, Schutzverhalten und Vertrauen in die Regierung und Wissenschaft, politische Massnahmen rückblickend als weniger angemessen wahrgenommen wurden. Negativere Bewertungen der politischen Massnahmen während der Pandemie sind der Studie zufolge auch mit einem stärkeren Wunsch verbunden, Politiker/innen und Wissenschafter/innen für ihr Handeln in der Pandemie zu bestrafen und die gesamte politische Ordnung zu zerschlagen. Wenig überraschend gaben diese Befragten auch an, dass sie nicht beabsichtigen, Bestimmungen in zukünftigen Pandemien zu folgen. Insgesamt waren diese Intentionen in den einzelnen Ländern unterschiedlich stark ausgeprägt (siehe Abbildung). Verzerrte Erinnerungen erschweren die Vorbereitung auf kommende Krisen "Die Ergebnisse zeigen, dass es systematische Unterschiede darin gibt, wie sich Menschen an die Pandemie erinnern, obwohl sich ihre damaligen Einschätzungen oftmals gar nicht so stark voneinander unterschieden", fasst der zweite Hauptautor Luca Henkel von der University of Chicago die Ergebnisse zusammen. Die verzerrte Erinnerung führe zu einer polarisierten Wahrnehmung der Vergangenheit, die das Potenzial hat, die aktuelle und zukünftige gesellschaftliche Polarisierung aufrechtzuerhalten und die Vorbereitung auf kommende Krisen zu behindern. Cornelia Betsch von der Universität Erfurt und vom Bernhard Nocht Institut Hamburg ergänzt: "In Zukunft müssen wir über die kurzfristigen Effekte politischer Massnahmen zur Eindämmung von Pandemien hinausblicken und auch langfristige Folgen für den sozialen Zusammenhalt berücksichtigen". Weitere Studien sollen nun untersuchen, wie sich die Verzerrung von Erinnerungen und die gesellschaftliche Polarisierung im Laufe gegenseitig beeinflussen und wie diese Dynamik in verschiedenen Ländern variiert. Dabei sollen auch andere Krisen wie etwa die Klimakrise in den Blick genommen werden. "Ausserdem wollen wir Wege zur Verringerung der Polarisierung erforschen. Eventuell lässt sich die Identifikation von Geimpften und Ungeimpften mit ihrem Impfstatus reduzieren. Damit könnte sich die Motivation verringern, die Erinnerungen überhaupt zu verzerren und somit die Aufarbeitung der Pandemie verbessert werden" ergänzt der Psychologe Robert Böhm von der Universität Wien. Ausserdem: Weitere Studie zu Folgen einer Pandemiemüdigkeit In einer weiteren in Nature Communications publizierten Studie hat ein internationales Team von Wissenschafter/innen unter Beteiligung des Psychologen Robert Böhm von der Universität Wien das Phänomen der Pandemiemüdigkeit untersucht. Diese Pandemiemüdigkeit ist den Psycholog*innen zufolge eine Informations- und Verhaltensmüdigkeit, die sich im Lauf der Zeit auch verändert. Die Wissenschafter/innen sind schliesslich zu dem Schluss gekommen, dass Pandemien die Menschen im Laufe der Zeit so sehr erschöpfen, dass die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass sie den Empfehlungen der Behörden zum Gesundheitsschutz folgen. Originalpublikationen: Historical narratives about the COVID-19 pandemic are motivationally biased
Die Covid-19-Pandemie hat die ganze Gesellschaft und insbesondere das Gesundheitssystem vor grosse Herausforderungen gestellt. Die Massnahmen zum Schutz der Gesundheit von Bewohnenden und Personal in Alters- und Pflegeheimen haben mancherorts Leid verursacht. Die Covid-19-Pandemie hat zudem die psychische Gesundheit belastet – insbesondere von jungen Menschen. Der Bundesrat hat an seiner Sitzung vom 4. September 2024 zwei Berichte zur besseren Bewältigung von künftigen Pandemien und Krisen in diesen Bereichen verabschiedet. In der Covid-19-Pandemie mussten ältere Menschen deutlich häufiger aufgrund einer Covid-19-Erkrankung im Spital behandelt werden als jüngere Personen. In den Alters- und Pflegeheimen wurde eine hohe Übersterblichkeit verzeichnet. Der Schutz dieser Bevölkerungsgruppe hatte deshalb immer eine hohe Priorität. Auch bei der Impfung priorisierte der Bund die Risikogruppen. Um die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf ältere Menschen und Menschen in Heimen aufzuzeigen, wurden zwischen 2021 und 2023 mehrere Studien durchgeführt. Sie dienten als Grundlage für den nun vorliegenden Postulatsbericht, der in Erfüllung der Postulate 20.3721 Gysi Barbara, 20.3724 Wehrli und 20.4253 Graf Maya erstellt wurde. Die Studien zeigen, dass die Mehrheit der älteren Menschen die Pandemie gut bewältigt hat. Der Bundesrat hält in seinem Bericht aber fest, dass es nicht in allen Phasen der Pandemie gelungen ist, die Schutzmassnahmen für ältere Menschen und Bewohnerinnen und Bewohner in Heimen verhältnismässig auszugestalten, was ihre individuelle Freiheit und Selbstbestimmung angeht. Insbesondere bei Menschen in Heimen haben die Massnahmen auch Leid verursacht. Der Bericht nennt vier Schlüsselerkenntnisse, die für die Bewältigung künftiger Pandemien wichtig sind: 1) Die Perspektive der betroffenen Personen muss einbezogen und die Selbstbestimmung gefördert werden. Dazu müssen Strukturen geschaffen werden, die eine Partizipation ermöglichen, wie zum Beispiel Bewohnerräte in Heimen. 2) Es braucht mehr Bewusstsein für die unterschiedlichen Betreuungssituationen und Lebenswelten im Alter. Dazu gehört auch eine Differenzierung möglicher Schutzmassnahmen zwischen dem Alters- und dem Sozialbereich. 3) Die Alters- und Pflegeheime sowie Wohnheime für Menschen mit Beeinträchtigungen müssen sich auf künftige Pandemien besser vorbereiten. 4) Die Qualität der Langzeitversorgung von älteren Menschen in Alters- und Pflegeheimen soll grundsätzlich verbessert werden. Insbesondere geht es darum, sie als Institutionen der medizinischen Versorgung zu stärken. Der Bundesrat weist darauf hin, dass auch bei künftigen Pandemien der Schutz der Bevölkerung und der besonders gefährdeten Menschen das oberste Ziel sein muss. Es wird eine komplexe und ethisch anspruchsvolle Herausforderung bleiben, die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen und gleichzeitig mit differenzierten Massnahmen auf die unterschiedlichen Interessen und Lebenswelten der betroffenen Menschen Rücksicht zu nehmen. Stärkung der psychischen Gesundheit für künftige Krisen Die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung konnte die Covid-19-Pandemie in guter psychischer Gesundheit bewältigen. Einzelne Bevölkerungsgruppen wurden im Vergleich zur Gesamtbevölkerung aber psychisch stärker belastet als andere. Zu ihnen gehören junge Menschen, Alleinlebende, Menschen in finanziell schwierigen Verhältnissen und Personen mit psychischen oder körperlichen Vorerkrankungen. Ihre Belastungswerte bleiben teilweise auch nach der Pandemie hoch. Der Bundesrat hält in seinem Bericht in Erfüllung der Postulate 21.3234 Hurni und 21.3457 WBK-NR fest, dass bei der Bewältigung künftiger Krisen psychosoziale Aspekte möglichst früh zu berücksichtigen sind. Zudem ist es wichtig, dass die individuelle psychische Gesundheit grundsätzlich gestärkt wird, um Krisen besser bewältigen zu können. Er empfiehlt im Bericht Massnahmen für die Krisen- und Ereignisbewältigung, aber auch im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention, der Früherkennung und Frühintervention sowie im Bereich der niederschwelligen Hilfe. Einige Empfehlungen sollen insbesondere sicherstellen, dass die psychische Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen besser geschützt wird, zum Beispiel im Bildungskontext und im ausserschulischen Bereich. Weiter soll die Medienkompetenz gefördert werden, um junge Menschen für schädliche Auswirkungen digitaler Medieninhalte wie etwa Diskriminierung oder Mobbing zu sensibilisieren. Die Umsetzung der Empfehlungen fällt dabei primär in die Zuständigkeit von Gemeinden, Kantonen oder privaten Organisationen. Der Bund trägt seinerseits mit Massnahmen in verschiedenen Bereichen zur Umsetzung der Empfehlungen bei. So soll die psychische Gesundheit bei der Bewältigung von Krisen stärker berücksichtigt werden. Der Bund engagiert sich zudem bei der Koordination im Bereich der Versorgung von Menschen mit einer psychischen Erkrankung sowie bei der Förderung von Monitoring und Forschung zur psychischen Gesundheit. Die beiden Berichte ergänzen die bereits vorliegenden Studien und Evaluationen von Bund und Kantonen zur Aufarbeitung der Pandemiebewältigung.
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