Die Lebenswelten der 14- bis 17-Jährigen: Die Jungen sind besorgter denn je. Die Vielzahl von Krisen und Problemen wie Kriege, Energieknappheit, Inflation oder Klimawandel, die sich mitunter überlagern und verstärken, stimmt die Jugendlichen in ihrem Allgemeinbefinden ernster und besorgter denn je. Die Sorge um Umwelt und Klima, die schon in der Vorgängerstudie 2020 als virulent beschrieben wurde, wächst in der jungen Generation weiter an. Auch die Verunsicherung durch die schwer einzuschätzende Migrationsdynamik und die dadurch angestossene Zunahme von Rassismus und Diskriminierung ist unter den Teenagern beträchtlich. Und nicht zuletzt ist für viele Jugendliche der Übergang ins Berufs- und Erwachsenenleben aufgrund der unkalkulierbaren gesellschaftlichen Entwicklungen angstbesetzt.
Die Teenager haben ihren Optimismus und ihre Alltagszufriedenheit dennoch nicht verloren. Wie die aktuelle Studie zeigt, ist der für die junge Generation typische Optimismus noch nicht verloren gegangen. Viele bewahren sich eine (zweck)optimistische Grundhaltung und schauen für sich persönlich positiv in die Zukunft. Viele der befragten Jugendlichen haben "Copingstrategien" (Bewältigungsstrategien) entwickelt und wirken insgesamt resilient (anpassungsfähig). Fast niemand ist unzufrieden mit dem eigenen Alltag - aber nur wenige sind enthusiastisch. Eine Rolle spielt dabei, dass die Befragten "seit sie denken können" mit vielfältigen Krisen leben. Entsprechend wird ihr Optimismus nicht eingeschränkt durch die Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die es so für sie nie gab. Vielen geht es nach eigener Auskunft gut, weil ihre Grundbedürfnisse gedeckt sind und sie sich sozial gut eingebunden fühlen. Die Weltsicht der jungen Generation entspricht keineswegs dem Klischee der verwöhnten Jugend, sondern ist von Realismus und Bodenhaftung geprägt. Das zeigen auch die angestrebten Lebensentwürfe. Die "bürgerliche Normalbiografie" ist immer noch Leitmotiv vieler Teenager. An der Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Halt und Geborgenheit und der hohen Wertschätzung von Familie hat sich nichts geändert. Dieses als "Regrounding" bekannte Phänomen ist nach wie vor ein starker Trend. Der Aspekt des Bewahrenden und Nachhaltigen ist für viele Jugendliche sogar noch wichtiger geworden. Auch der Rückgang des einstmals jugendprägenden Hedonismus und der damit einhergehende Bedeutungsverlust jugendsubkultureller Stilisierungen hält an. Das zeigt sich auch im Streben nach der "Normalbiografie" und in der Renaissance klassischer Tugenden. Was viele wollen, ist einen Platz in der Mitte der Gesellschaft zu finden. Und wovon viele träumen, sind eine glückliche und feste Partnerschaft oder Ehe, Kinder, Haustiere, ein eigenes Haus oder eine Wohnung, ein guter Job und genug Geld für ein sorgenfreies Leben.
Die Akzeptanz von Diversität nimmt zu. Die Jugendlichen sind "aware", aber nicht "woke". Im Wertespektrum der jungen Generation sind neben Sicherheit und Geborgenheit (Familie, Freunde, Treue) besonders soziale Werte wie Altruismus (selbstloses Handeln für andere) und Toleranz stark ausgeprägt. Auffällig ist, dass zunehmend deutlicher nicht nur die Toleranz in Bezug auf unterschiedliche Kulturen als Selbstverständlichkeit betont wird, sondern auch die Akzeptanz pluralisierter Lebensformen und Rollenbilder (Diversität). Neu gegenüber den Vorgängerstudien ist, dass die Jugendlichen besonders stark für die Gender-Gerechtigkeit sensibilisiert sind. Die meisten Befragten zeigen sich demonstrativ offen dafür, wenn (vor allem junge) Menschen ihr Geschlecht non-binär definieren. Zudem sind sich die Jugendlichen fortdauernder Geschlechterstereotype und Rollenerwartungen bewusst. Die Sensibilität für Diskriminierung ist gross. Die aktuellen politischen Krisen (wie Krieg oder Inflation) werden von den Jugendlichen registriert, emotional stärker treiben sie allerdings Probleme wie Klimawandel und Diskriminierung um. Gerade Diskriminierung gehört für viele zum Alltag, insbesondere in der Schule. Unabhängig von Schultyp und Herkunft haben die meisten Jugendlichen Diskriminierung schon selbst erlebt oder im unmittelbaren Umfeld beobachtet. Die Institution Schule vermag dem Problem oftmals nicht beizukommen. Die Jugendlichen sind sehr sensibel für strukturelle Ungleichheiten. Sie beobachten und kritisieren offene oder verdeckte Diskriminierung. Demokratische Bildung und Praxis scheint in den Schulen eine untergeordnete Rolle zu spielen. Viele Jugendliche sehen Schule nicht als Ort, wo sie Mitbestimmung lernen und wirklich gehört werden. Nicht wenige der Befragten sprechen spontan die Ungleichheit der Bildungschancen an: Sie nehmen wahr, dass vor allem die soziale Lage über den Bildungserfolg mitentscheidet und sehen besonders migrantische Familien im Nachteil. Das politische Interesse und Engagement der Jugendlichen ist limitiert. Die Jugendlichen haben ein Bewusstsein für soziale Ungleichheit, zeigen aber kein gesteigertes Interesse an diesem Thema. Dasselbe trifft auf das Thema Politik generell zu. Eine gestiegene Politisierung der Jugendlichen im Vergleich zur letzten Erhebung 2020 ist nicht festzustellen. Eher hat Politik - trotz der allgegenwärtigen Krisen - einen geringen Stellenwert in ihrem Leben. Das Bewusstsein für politische Themen wird vor allem durch deren mediale Präsenz beeinflusst, aber selten fühlt man sich persönlich betroffen (Ausnahme: Klimakrise, Diskriminierung). Krisen aktivieren einen Teil der Jugendlichen, wenn auch nur kurzfristig (z.B. Gespräche mit Vertrauten, Info-Recherchen) und führen kaum zu langfristigem politischem Engagement. Der andere Teil der Jugendlichen tendiert zur Verdrängung, weil er sich kognitiv oder emotional überfordert fühlt. Hauptgründe für die Distanz zu politischen Themen und Beteiligungsformen sind die gefühlte Einflusslosigkeit und die als gering empfundene persönliche Kompetenz. Die Mehrheit der Jugendlichen befürwortet das Wahlrecht ab 16 Jahren. Einige fühlen sich aber nicht ausreichend dafür vorbereitet. Jugendliche wollen gehört und ernstgenommen werden, aber nicht alle wollen mitgestalten. Die Mehrzahl der Jugendlichen, quer durch alle Lebenswelten, möchte mitreden und Gehör finden - ob in der Familie, im (Sport)Verein, in der Jugendgruppe oder der religiösen Gemeinschaft. Was aber Mitbestimmung und Mitgestaltung angeht, sind die Einschätzungen kontrovers und, insbesondere hinsichtlich der angenommenen Erfolgschancen, stark lebensweltlich geprägt. Barriere Nr.1, an der Mitsprache und Mitgestaltung der jungen Generation oft scheitern, sind "die Erwachsenen", von denen sich viele Jugendliche nicht ernstgenommen und respektiert fühlen. Awareness für Fake News und die negativen Folgen des Social Media-Konsums Soziale Medien werden zum Zeitvertreib, zur Inspiration für Lifestyle-Themen und zum Socializing genutzt - aber auch als Tool, um Themen und Dinge, die Sinn im Leben geben, (besser) kennenzulernen und zu verfolgen. Soziale Medien sind für die meisten Teenager die bei weitem wichtigste Informationsquelle. Dies gilt auch für politische Nachrichten, die meist zufällig - sozusagen als "Beifang" - rezipiert werden. Vorteile der Informationsaufbereitung in den sozialen Medien sind aus Sicht der Jugendlichen ihre Aktualität, ihre gute Verständlichkeit (Prägnanz) und ihr Unterhaltungswert. Dagegen stehen die Nachteile zweifelhafter Glaubwürdigkeit und die verbreiteten Fake News. Die Gefahr, Falschinformationen, Übertreibungen und manipuliertem Content ausgesetzt zu sein oder sich in Filterblasen zu bewegen, ist den befragten Jugendlichen bewusst. Die meisten gehen davon aus, Fake News zu erkennen, vor allem mittels "gesundem Menschenverstand". Sind Jugendliche mit Fake News konfrontiert, werden diese meist ignoriert. Aktive Recherchen zur Glaubwürdigkeit oder Richtigkeit von Beiträgen, Nachrichten oder Meldungen kommen eher selten vor.
Die Auswirkungen des Social Media-Konsums auf das eigene Befinden und die (psychische) Gesundheit sehen viele der befragten Jugendlichen durchaus kritisch. Viele haben das Gefühl, zu viel Zeit in den sozialen Medien zu verbringen, was ihnen - wie sie glauben - nicht guttut: "verplemperte Lebenszeit", Reizüberflutung, Suchtverhalten und Stress auch durch den Vergleich geschönter Darstellungen im Internet mit der eigenen (körperlichen und sozialen) Realität. Auch wenn vieles in den sozialen Medien nicht hinterfragt bzw. unkritisch konsumiert wird, zeigt sich in der jugendlichen Zielgruppe ein wachsendes Unbehagen. Viele (v.a. bildungsnahe) Jugendliche versuchen inzwischen, ihre Social Media-Nutzung zu begrenzen bzw. aktiv zu steuern: Handy ausschalten, bestimmte Apps löschen, problematische Aspekte mit Nahestehenden besprechen. Trotz des DigitalPakts Schule bleibt die Digitalisierung von Schulen uneinheitlich und wird von vielen Jugendlichen als unzureichend empfunden. Jugendliche wünschen sich oft mehr Engagement von Lehrkräften, wenn es um die Integration digitaler Elemente im Unterricht geht. Oftmals haben sie das Gefühl, die Lehrkräfte seien gegenüber digitalen Möglichkeiten nicht genug aufgeschlossen. Sport als "Droge gegen Stress" Auch Sport und Bewegung dienen Jugendlichen, um dem Alltagsstress entgegenzuwirken und Probleme zu vergessen. Auf die Nachfrage, welche Rolle Sport und Bewegung für das eigene Wohlbefinden spielt, berichten die meisten - unabhängig von Geschlecht, Bildung und Lebenswelt - von einem "guten Gefühl", das sich sowohl während als auch nach dem Sport einstellt. Zudem steht das Motiv der Vergemeinschaftung im Fokus: Sport-und Bewegungsstätten sind für Jugendliche wichtige Orte der Begegnung und des Zusammenkommens. Aber: Viele beklagen, dass es ihnen an öffentlichen Bewegungsorten fehlt. Studiendesign Die vorliegende Studie ist eine qualitativ-empirische Bestandsaufnahme der soziokulturellen Verfassung der jungen Generation. Unterschiedlichste Aspekte der jugendlichen Alltags- und Lebenswirklichkeit (Schule, Gesundheit, Sport, Politik etc.) werden in der Publikation nicht nur beschrieben, sondern mittels einer Vielzahl persönlicher Zeugnisse der Jugendlichen illustriert. Wie in den Vorgängerstudien greift das SINUS-Institut hierbei auf ein breites methodisches Spektrum zurück: Neben den Analysen der explorativen Interviews enthält der Forschungsbericht zahlreiche Bilddokumente wie Skizzen, Fotos und Collagen sowie eine Vielzahl von O-Tönen der befragten Jugendlichen, die authentische Einblicke quer durch alle jungen Lebenswelten liefern. Insgesamt wurden 72 qualitative Fallstudien mit Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren durchgeführt. Die Datenerhebung erfolgte deutschlandweit von Anfang Juni bis Ende September 2023. Wie ticken Jugendliche? wurde im Auftrag folgender Studienpartner (in alphabetischer Reihenfolge) durchgeführt: - Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz
◉ Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz (afj) Social Media kann unterstützendes Tool bei der Sinnsuche sein. Die meisten Jugendlichen sehen Social Media nicht als den Sinn des Lebens an, sondern als eine Möglichkeit, Themen und Dinge zu entdecken und zu vertiefen, die ihnen Sinn geben. Jugendliche glauben offline und entdecken online. Einige Jugendliche nutzen Social Media als Informationsquelle, um mehr über verschiedene Religi.onen zu erfahren oder sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Die meisten Jugendlichen leben ihre eigene Religiosität eher offline aus. Als kirchliche Player gilt es, jungen Menschen auch online die Informationen bereitzustellen, die sie suchen und die sie auf ihrem persönlichen Weg weiterbringen. Zwischen Likes und Psyche: Social Media wirkt sich auf die mentale Gesundheit aus. Jugendliche erkennen, dass Social Media sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben kann. Positive Aspekte sind die Enttabuisierung von Mental Health-Problemen und die Bereitstellung von Hilfsangeboten. Negative Aspekte sind Mobbing, Vergleichsstandards, Reizüberflutung und Zeitverschwendung. Wir müssen Jugendliche unterstützen und begleiten, sodass sie einen gesunden Umgang mit Social Media finden und sensibel für Mental Health-Themen werden. Offline in einer Online-Welt -Jugendliche entwickeln Coping-Strategien. Jugendliche entwickeln verschiedene Strategien, um mit den negativen Folgen von Social Media umzugehen. Dazu gehören das Ausschalten des Handys, das Reduzieren der Nutzung oder die bewusste Auswahl von Inhalten. Wenn Jugendliche negative Auswirkungen von Social Media oder damit zusammenhängende (psychische) Probleme bemerken, suchen sie vor allem auch das per.sönliche Gespräch mit Freund*innen oder der Familie. Player der Jugendarbeit unterstützen junge Menschen dabei, sich in einer digitalen Welt zu positionieren und Strategien für einen guten Umgang zu finden ◉ Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) Geschlechteridentität ist Gefühlssache Der wichtigste Faktor bei der Festlegung der eigenen geschlechtlichen Identität ist das eigene Gefühl - es sind nicht zuerst biologische Faktoren. Rollenbilder wirken weiter Auch wenn viele Befragten stereotypen Geschlechterbildern und Zuschreibungen ablehnend gegenüberstehen, wirken diese nach wie vor intensiv bei der Zuschreibung von Eigenschaften zu Geschlechtern nach. Junge Menschen wollen was bewegen Jugendliche erleben Frustration, wenn sie von Erwachsenen mit ihren Ideen und Anliegen nicht ernst genommen werden. Sie suchen nach Mitstreiter/innen und Vorbildern, um sich gemeinsam für eine Sache einzusetzen und Veränderungen zu bewirken. Social-Media als Hilfsmittel bei Sinnsuche Social-Media wird von Jugendlichen als unterstützendes Instrument bei der Sinnsuche betrachtet, das es ermöglicht, Themen zu vertiefen, Kontakt zu halten, Orientierung zu finden und Inspiration zu erhalten. Trotzdem liegt die Verantwortung für die Definition des Lebenssinns letztendlich bei jedem Einzelnen. Auch über andere Religionen wird sich über Social-Media informiert. Negative Auswirkungen von Social-Media auf die psychische Gesundheit werden von vielen Ju.gendlichen wahrgenommen. Positiv wird die Enttabuisierung von Mental Health-Themen auf Social-Media bewertet, auch wenn es Bedenken hinsichtlich der ungefilterten Konfrontation mit den Problemen anderer und der Qualität der bereitgestellten Ratschläge gibt, weshalb die meisten Jugendlichen Hilfe und Unterstützung offline suchen. ◉ Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) (Politische) Krisen aktivieren Jugendliche, aber nur kurzfristig Die Studie Wie ticken Jugendliche? 2024 beschreibt eine junge Generation, die in Krisenzeiten und mit grossen Herausforderungen aufwächst: Neben Kriegen und sozialer Ungleichheit, sind der Anstieg von Rassismus und Diskriminierung sowie die Bedrohung durch die Klimakrise inzwischen zur Dauerbelastung geworden. Insbesondere prägt die mediale Präsenz bestimmter politischer Themen das Bewusstsein der Jugendlichen. Krisen aktivieren die Jugendlichen zwar häufig, meist aber nur kurzfristig und führen damit nicht zu nachhaltigem politischem Engagement. Politische Bildung ist gefragt in puncto Medienbildung Die Jugendlichen informieren sich über das Geschehen in Deutschland und der Welt vorwiegend in den sozialen Medien und treffen hier immer öfter auch auf bewusst gestreute Desinformationen. Politische Bildung umfasst auch Medienbildung sowie die Begleitung bei der Aus-und Weiterbildung von kritischen Kompetenzen, um Medieninhalte einordnen zu können. Das sind zentrale Kompetenzen, um demokratische Prozesse verstehen, begleiten und sich einbringen zu können. Die Potenziale und das Bewusstsein für diese Themen sind bei den Jugendlichen bereits vorhanden, die politische Bildung muss diese aufgreifen und Angebote machen, diese zu vertiefen. ◉ Deutsche Fussball Liga Stiftung (dfl) Stressabbau ist eines der Hauptmotive für Sport. Sport und Bewegung, ob gemeinsam oder allein, zu Hause oder in der Natur, sind für Jugendliche ein Ventil gegen Stress und spielen eine zentrale Rolle für das eigene Wohlbefinden. Auch Schulsport wird als Ausgleich geschätzt, gleichwohl sehen Jugendliche hier viel Verbesserungspotenzial. Bewegungsorte sind Begegnungsorte - jedoch mangelt es an Verfügbarkeit und Qualität. Jugendliche wollen gehört werden. Die grundsätzliche Möglichkeit gehört zu werden, ist nahezu allen Jugendlichen, insbesondere auch den Mädchen, wichtig. Die aktive, konkrete Mitsprache und Mitgestaltung ist allerdings stark vom eigenen Selbstvertrauen abhängig und stösst auf geteiltes Interesse. Für Ungerechtigkeiten im (Profi)Sport zeigen die befragten Jugendlichen eine hohe Sensibilität. ◉ Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) Schüler/innen fühlen sich im Stich gelassen Nur die Hälfte der Jugendlichen fühlt sich wohl an der Schule. Die Schüler/innen berichten vonÜberforderung, Konflikten, Diskriminierung, mangelhafter Ausstattung und überforderten Lehrkräften. Hilfe wird selten innerhalb der Schule gesucht, stattdessen dienen Freund:innen und Familie als Rettungsanker. Im Bildungssystem muss dringend hinterfragt werden, warum innerschulische Unterstützungsstrukturen kaum genutzt werden, selbst wenn Schüler/innen sie als hilfreich beschreiben. Schwänzen bedeutet nicht Faulheit Schwänzen ist ein weit verbreitetes Phänomen, unabhängig von Schultyp und Geschlecht. Ob Leidensdruck oder Strategie, die Hintergründe bleiben oft im Dunkeln. Dabei wollen Schüler/innen ausdrücklich, dass die Schule hinsieht und hilft: verständnisvoll und ermutigend, statt strafend und ausschliessend. Ungleiche Chancen und Diskriminierung tief verwurzelt im Bildungssystem Zwei von drei Jugendlichen sind der Ansicht, dass es in Deutschland keine gleichen Bildungschancen gibt. Dennoch haben vor allem die von der Ungleichheit Betroffenen die irrige Vorstellung verinnerlicht, dass allein individuelle Leistung über ihren Bildungserfolg entscheidet. Von Diskriminierungserfahrungen in der Schule berichten zwei Drittel der Schüler/innen, während ausserhalb nur zwei von zehn Ähnliches erleben. Ob Herkunft, Aussehen, Geschlecht oder Religion als Auslöser, Schulen müssen alle Formen von Diskriminierung erkennen, thematisieren und bekämpfen, auch wenn sie von Lehrkräften ausgeht. Jugendliche fühlen sich machtlos Die Mehrheit der Jugendlichen befürwortet das Wahlrecht ab 16 Jahren, auch weil politische Entscheidungen meist langfristige Auswirkungen haben und sie damit länger betreffen. Doch bereits in der Schule fühlen sich Schüler/innen nicht ernst genommen und bekommen wenig Mitsprache.recht zugesprochen. Dabei legt eine Schulkultur, in der alle mitmachen dürfen, den Grundstein für aufgeklärte und engagierte Bürger/innen, die die Demokratie verstehen und aktiv mitgestalten. Digitale Kluft in Schulen verstärkt Ungleichheiten Trotz des DigitalPakts Schule bleibt die Digitalisierung der Schulen uneinheitlich und meist rückständig, unabhängig vom Schultyp. Die Mehrheit der Schüler/innen beklagen mangelnde Vorbereitung auf die digitalen Anforderungen der Arbeitswelt. Ohne einheitliche Förderung der Digitalkompetenzen in Schulen bleiben Jugendliche weiter abhängig von individuellen Voraussetzungen wie Zugang, persönliche digitale Affinität oder digitale Kompetenzen im sozialen Umfeld. ◉ SINUS-Institut Eine Generation, aber unterschiedliche Lebenswelten: Die junge Generation ist keine homogene Gruppe. Seit Jahren zeigt unsere Forschung, dass Jugendliche in ganz unterschiedlichen Lebenswelten leben. Hier reicht das Spektrum von traditionell.bürgerlichen, über konsum-materialistischen bis hin zu neo-ökologischen Jugendlichen, jeweils mit eigenständigen Werten, Einstellungen und Lebensweisen.
Christoph Tekaath, "Social Media werden von Jugendlichen vielfältig genutzt und helfen dabei, an interessanten Themen dranzubleiben und das, was dem eigenen Leben Sinn gibt, aus verschiedenen Blickwinkeln wahrzunehmen. Junge Menschen sind sensibel für Themen der mentalen Gesundheit in Verbindung mit Social Media. Hier ist die Begleitung von jungen Menschen Auftrag von Akteur/innen der Jugendarbeit. Eine Unterstützung in der Reflektion der positiven und negativen Aspekte und der Entwicklung von Coping-Strategien ist Teil unseres Auftrags, wenn wir mit jungen Menschen unterwegs sind. Als Kirche ist uns wichtig, uns immer wieder weiterzubilden, was jugendliche Lebenswelten heute ausmacht, damit wir jungen Menschen bedarfsgerecht begegnen können." Lena Bloemacher, "Junge Menschen wollen sich aktiv in unsere Gesellschaft einbringen. Sie achten dabei auf ihr Gegenüber und reflektieren Geschlechterklischees und ihre eigene Identität. Sie sind auf der Suche nach Mitstreiter/innen, um sich für ihre Anliegen einzusetzen. Dabei nutzen sie selbstverständlich auch Social-Media für den Austausch und um nach Informationen zu suchen. Es lohnt sich, sich gemeinsam mit jungen Menschen auf den Weg zu machen und ihnen mit ernsthaftem Interesse zuzuhören." Thomas Krüger, "In Zeiten wie diesen, in denen sich Krisen überlagern, müssen wir verstärkt auf gesellschaftlichen Zusammenhalt setzen. "Wie ticken Jugendliche?" richtet den Blick auf die junge Generation und zeigt, mit welch grossen Herausforderungen sie aufwächst, wie sie diese wahrnimmt und wie sie mit ihnen umgeht: Neben Klimawandel und Diskriminierung sind Inflation und Krieg die Themen, die den Jugendlichen am meisten Sorgen bereiten. Es ist bemerkenswert, dass sich die Jugendlichen bei der Sorge um die Zukunft ihren Optimismus noch ein wenig erhalten haben und ihren Alltag meistern. Als Gesellschaft - und auch als Staat - sollten wir uns fragen, wie wir das aufgreifen und die jungen Menschen in diesen Zeiten bestmöglich begleiten, unterstützen und motivieren können. Wir sollten ihnen Halt und Orientierung bieten, damit sie sich als Teil der Gesellschaft wahrnehmen und einbringen können. Die politische Bildung ist gefragter denn je, junge Menschen anzusprechen und ihnen Angebote zu machen, die dies ermöglichen." Franziska Fey, "Bewegung und Sport sind nicht nur essenziell für die körperliche Gesundheit, sondern auch für die seelische Ausgeglichenheit, insbesondere bei Jugendlichen. Daher ist es von entscheidender Bedeutung, dass Jugendliche vielfältige und qualitativ hochwertige Bewegungsorte in ihrem Sozialraum vorfinden. Die Möglichkeit, gehört zu werden und aktiv an der Gestaltung dieser Orte mitzuwirken, ist ein grundlegendes Anliegen für Jugendliche. Unsere Vision ist es, jungen Menschen in Deutschland die Chance zu geben, sich gesund und aktiv zu entfalten und Teil einer vielfältigen, solidarischen Gesellschaft zu sein. Aufgrund dessen setzen wir uns gemeinsam mit unseren Partnern dafür ein, dass Jugendliche gehört werden und ihre Lebenswelt mitgestalten können, denn sie sind die Zukunft, auf die wir bauen." Anna-Margarete David, "Für eine Gesellschaft ist es wichtig, zu wissen, was junge Menschen bewegt. Dafür müssen diese selbst zu Wort kommen dürfen und ernstgenommen werden. 2021 haben Jugendliche uns als Deutsche Kinder-und Jugendstiftung beim "Take Over Bellevue" drei Themen mitgegeben, die ihnen auf dem Herzen liegen: Schule ist kein diskriminierungsfreier Ort, sie haben zu wenig Mitbestimmungsmöglichkeiten und Digitalisierung ist in Schule unzureichend angekommen. Die SINUS-Jugendstudie bestätigt dieses Bild. Wir nehmen das zum Anlass, die Themen, aufbauend auf unserer 30jährigen Erfahrung und gemeinsam mit unseren Bündnissen, weiter zu bearbeiten: Damit Schule der Ort wird, an dem alle gut lernen können." Anne Rolvering, "Wenn Kinder und Jugendliche mitentscheiden, stärkt dies nicht nur ihr Selbstvertrauen, sondern auch ihr Verständnis von Demokratie. Sie lernen eigene Meinungen zu bilden, sich zu engagieren, Entscheidungen mit anderen auszuhandeln - und dass ihre Stimme zählt. Die Deutsche Kinder-und Jugendstiftung setzt sich seit 30 Jahren dafür ein, dass Kinder und Jugendliche ihre Lebenswelt gestalten können. In der SINUS-Jugendstudie spiegeln uns die befragten Schüler:innen aber ganz klar: Schule ist für sie kein Ort der Mitbestimmung. Sie fühlen sich nicht gehört und in ihren Belangen nicht respektiert. Das müssen wir ernst nehmen und gemeinsam mit den Verantwortlichen aus Politik, Schule und Verwaltung daran arbeiten, dass Beteiligung selbstverständlich ist." Dr. Marc Calmbach "Diese Studie ist nicht nur für den Hörsaal gedacht, sondern hat eine klare Anwendungsorientierung. Das Sinus-Lebenswelten-Modell zeigt, was Jugendliche bewegt und wie sie bewegt werden können. Die Sinus-Jugendstudien werden seit vielen Jahren für die Zielgruppenarbeit u.a. in Pädagogik, politischer Bildung, Sport, gesundheitlicher Aufklärung oder Seelsorge eingesetzt."
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