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Ross-Schelfeis: Das antarktische Wasserrätsel - wie Fluten zur Eisschmelze beitragen
2025
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Ross-Schelfeis: Das antarktische Wasserrätsel - wie Fluten zur Eisschmelze beitragen

Unter dem Eis der Antarktis liegt ein System von Seen und Wasserströmen verborgen. Zum ersten Mal hat ein Forschungsteam mit ETH-Forschenden die subglazialen Ströme der Westantarktis direkt beobachtet. Ihre Studie zeigt, wie einzelne Flutereignisse das Schmelzen des Eises beeinflussen.

In Kürze

● Forschende haben zum ersten Mal direkt die Wasserflüsse unter dem Eis der Westantarktis beobachtet.

● Sie bohrten ein 500 Meter tiefes Loch durch die antarktische Eisschicht, bis sie auf Wasser stiessen. Sie konnten denWasserstrom unter dem Eis filmen und seine Eigenschaften analysieren.

● Diese subglazialen Wasserströme spielen eine entscheidende Rolle beim Schmelzen des Schelfeises. Die neuen Erkenntnisse tragen dazu bei, das Schmelzen der Schelfeises in der Antarktis zu verstehen und das Ansteigen des Meeresspiegels genauer vorhersagen zu können.

Im Herbst 2021 brach ein internationales Forscherteam der «New Zealand's Antarctic Science Plattform» zum Südpol auf. Ziel der Expedition war das Ross-Schelfeis in der Westantarktis, eine schwimmende Eisplatte, gut zehnmal so gross wie die Schweiz.

An der Küste betreibt Neuseeland seit 1957 die Scott-Forschungsstation (Scott Base). Von dort drang das Expeditionsteam weiter südwärts vor. Zwei Wochen und 1'200 Kilometer später erreichten sie ihr Ziel auf dem Eisstrom Kamb: Das ist ein 350 km langer, 100 km breiter und mehrere Hundert Meter tiefer Gletscher, der aus dem Inneren der Antarktis in Richtung Meer verläuft und an der Küste ins Ross-Schelfeis übergeht.

Heiss-Wasser-Bohrung durch das antarktische Eis

An dieser entlegenen Stelle auf dem ewigen Eis errichtete das Supportteam eine temporäre Forschungsstation mit eigener Landebahn und Zeltunterkünften für 26 Personen. Für ihre Forschungsarbeit nutzten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die günstigen Bedingungen des antarktischen Sommers mit Temperaturen von -10 °C, leichtem Wind und 24 Stunden Helligkeit pro Tag. Hier bohrten sie 500 Meter tief durch die Eisschicht bis zum antarktischen Festland, wo sie auf Wasser und Sedimentgestein trafen. Für die Heiss-Wasser-Bohrung nutzten sie eine Hochdruckdüse und 80-grädiges Wasser. Mit 30 cm Durchmesser war das Bohrloch gross genug, um eine Kamera und diverse Messgeräte in die Tiefe hinunterzulassen und die Verhältnisse am Fuss des Eisstroms zu erkunden.

«Am Ende des Bohrlochs stiessen wir auf Wasser, und mit unserer Kamera entdeckten wir hier, 400 Kilometer vom offenen Meer entfernt, sogar einen Schwarm von Hummer-artigen Lebewesen», berichtet Expeditionsleiter Huw Horgan, der seit zwei Jahren als Wissenschaftler an der ETH Zürich und an der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL bei Professor Daniel Farinotti arbeitet. Die Bohrung ist ein wissenschaftlicher Meilenstein.

Die Forschenden vermuteten zwar schon länger, dass unter dem Eisschild Wasser fliesst. Das Wasser kommt dort aufgrund der Erdwärme und weiterer Faktoren vor. Forschende hatten auch schon mit Satelliten mehrere Hundert Seen unter den Eiskappen der West- und Ostantarktis entdeckt. Aber die Wasserströme in den Tiefen der Eiskappen geben noch viele Rätsel auf.

Mit der Bohrung durch den Eisstrom Kamb ist es zum ersten Mal überhaupt gelungen, einen solchen Wasserstrom, der in einer Höhle unter dem Eis auf den Ozean trifft, direkt aus unmittelbarer Nähe zu beobachten.

Unter dem Eis gibt es regelrechte Fluten

Mit ihren Messgeräten analysierten die Forschenden die Eigenschaften des Wasserstroms, darunter Temperatur, Salzgehalt und Sedimentgehalt, also die Menge an festen Partikeln im Wasser. Mit einem Echolot konnten sie den Querschnitt des wasserführenden Eiskanals auf etwa 100 mal 200 Metern abschätzen. Man darf sich den gletscherunterseitigen oder subglazialen Wasserstrom nicht als reissenden Fluss vorstellen. Es handelt sich vielmehr um ein vergleichsweise ruhendes Gewässer, und das meiste Wasser stammt aus dem Meer. Nur geringe Mengen - weniger als ein Kubikmeter pro Sekunde - sind Frischwasser, also Wasser, dass unterhalb des Kamb-Eisstroms in Richtung Meer nachströmt. «Diese Wassermenge ist viel kleiner als das, was uns die bestehenden Modelle vorhergesagt hatten», fasst Huw Horgan ein Hauptergebnis der Studie zusammen.

Nicht minder wichtig ist für das Forscherteam ein zweites Ergebnis: der subglaziale Wasserstrom nicht kontinuierlich fliesst, sondern sein Lauf schwankt mit der Zeit stark. «Wir vermuten, dass das Wasser aus flussaufwärts liegenden, subglazialen Seen stammt. Diese Seen füllen und entleeren sich in bestimmten Zyklen. Wenn sie sich entleeren, kommt, ergiesst sich eine Wasserflut in Richtung Meer», sagt Horgan. Dass solche Flutereignisse tatsächlich vorkommen, wiesen die Forscher nach, indem sie Sedimentproben aus dem Boden unter dem Eisstrom auswerteten. Grosse Flutereignisse treten demnach etwa alle zehn Jahre auf. Daneben gibt es möglicherweise kleinere Flutereignisse, die die Forscher mit den bisherigen Messmethoden allerdings nicht nachweisen können.

Wichtige Grundlagen für die Klimaforschung

Die Studie des internationalen Forscherteams ist ein Baustein zu einem besseren Verständnis der Wasserströme unter dem antarktischen Eisschild. Sie leistet zugleich einen Beitrag, um die Folgen der Erderwärmung in den kommenden Jahrzehnten verlässlicher abschätzen zu können. Die Schmelzprozesse im antarktischen Schelfeis sind nämlich eine wichtige Ursache für das erwartete Ansteigen des Meeresspiegels. Das liegt daran, dass das Ross-Schelfeis und andere Schelfeis-Formationen wie eine Barriere wirken: Sie halten die Eisströme auf dem antarktischen Festland zurück und verhindern so, dass sie zum Meer wandern und dabei auch abschmelzen.

«Die subglazialen Wasserströme spielen eine zentrale Rolle beim Abschmelzen des Schelfeises», betont Huw Horgan. «Unsere Erkenntnisse sind daher eine Voraussetzung für die Entwicklung neuer Modelle, die das Schmelzen des Schelfeises beschreiben und das Ansteigen des Meeresspiegels noch genauer vorhersagen können.»

Folgen der Erderwärmung

Die Veränderungen der Eisbedeckung am Südpol der Erde bleiben ein zentrales Thema der globalen Klimaforschung. Polarforscher Horgan wird im südlichen Sommer 2025/2026 in die Antarktis zurückkehren. Während der bevorstehenden Expedition wollen er und das Forschungsteam Daten gewinnen, die das längerfristige Verhalten des westantarktischen Eisschilds dokumentieren. Im Zentrum stehen dabei insbesondere wärmere Perioden, wie sie die Erde in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten erleben wird.

Literaturhinweis

Horgan, HJ, Stewart, C, Stevens, C et al. A West Antarctic grounding-zone environment shaped by episodic water flow. In: Nature Geoscience, 12 May 2025. DOI: externe Seite 10.1038/s41561-025-01687-3.

Text Benedikt Vogel, freier Autor
Quelle: ETH Zürich 12. Mai 2025

Die neuseeländische Scott-Forschungsstation (Scott Base) liegt 10 m über dem Meeresspiegel auf einer Insel im McMurdo Sund im Ross Meer. Die geografische Lage ist ...

77° 51' Süd und 166° 46' Ost

Es ist die einzige Forschungsstation, welche Neuseeland in der Antarktis betreibt.

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Gletscher- und Meereis in polaren Zonen Eisberge, Dichte u. Salinität von Meerwasser
Abschmelzendes Eis Gletscher, Eisberge, Schelfeise und der Meeresspiegel

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Auswahl von Berichten
Berichte über den Eisschild und das Schelfeis in der Westantarktis
BAS 2021 Starke Gletschervorstösse in der Getz-Region
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PIK 2019 Beginnende Instabilität in der West-Antarktis
DLR 2018 1'000 km durch das Ross Schelfeis - mit TerraSAR-X
PIK 2018 Rückgang der westantarktischen Eismassen vor 10'000 J.
AWI 2017 West-Antarktis: Eisabbruch am Pine Island Gletscher
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NASA 2017 Starke Veränderungen beim Larsen Schelfeis
AWI 2016 Wie stabil ist der Westantarktische Eisschild?
AWI 2014 Rekordrückgang der Eisschilde
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AWI 2006 West-Antarktis Rascher Rückzug des Eisschildes
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